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Bullterrierjahre Teil I

BULLTERRIERJAHRE

von Gabriele Trosbach

Die ersten Bullterrier meines Lebens sah ich Ende der fünfziger Jahre im wohlgesicherten und aufgrund einer unwegsamen Hanglange kaum zu erreichenden Garten einer Bochumer Vorortvilla. Mein Vater zeigte sie mir, seiner tiervernarrten Tochter, bei einem jener sonntagvormittäglichen Ausflüge, die ich so liebte. Während meine Mutter den Sonntagsbraten zubereitete, waren mein Vater und ich häufig in Tierschauen von Zirkusunternehmen, zoologischen Gärten oder einfach in ländlicher Umgebung zu finden. Dieses Mal nun wollte er mir "außergewöhnliche Hunde" zeigen und ließ dabei den gleichen Respekt anklingen, den man Tigern im Zoo zollt. So weit schien ein Vergleich mit "Raubtieren" auch gar nicht hergeholt: was ich zu sehen bekam, waren zwei wehrhafte, muskulöse Tiere mit ungeheurer Sprungkraft. Wir konnten uns dem Grundstück aufgrund der Hanglange höchstens bis auf 15 Meter nähern und bedeuteten durch Händeklatschen Anwesenheit. Zwei weiße, glatthaarige Hunde, die in der Sonne gedöst hatten, sprangen knurrend geschmeidig und blitzartig auf einen großen Behälter nahe des Zaunes und versuchten, diesen mit gewaltigen Sätzen zu überwinden.  Ihr ganzes Verhalten signalisierte weit mehr als nur "Verteidigungsbereitschaft". Wehe dem Eindringling, der hier den Versuch wagen sollte, ungebeten fremdes Eigentum zu betreten! - Ja, zu jener Zeit durften Hunde noch ihre ursprünglichen Aufgaben wahrnehmen - auch jene,  Eigentum effektiv zu schützen.

Dieser Sonntagmorgen prägte in mir unauslöschlich den Begriff "Bullterrier".

Meine zweite Bulli-Begegnung hatte ich wenige Jahre später. Es war bei einem Bekannten meines Vaters, einem überaus kinderlieben Bochumer Tierarzt, dem ich in Bezug auf mein Verständnis um Tiere eine Menge verdanke. Außer seiner Praxis betrieb er eine Hunde- und Kleintierpension, und zuverlässige Jugendliche durften hin und wieder die Pensionshunde ausführen. Klar, dass ich in den Ferien jede Möglichkeit wahrnahm, dort meine Zeit zu verbringen, und eines Tages war sie da: Cita, eine dunkel gestromte Bullihündin mit weißen Abzeichen. Die Tierarzthelferin bot mir an, an diesem Morgen mit ihr spazieren zu gehen. Hm - meine Assoziation mit dem Wort Bullterrier ließ mich doch ein wenig zögern, spontan dieses Angebot anzunehmen. Ein Blick in die freundlichen, verschmitzt blickenden, dunklen Augen der Bullidame räumte schnell meine Zweifel aus. Ich nahm Cita an die Leine und zog los. Es wurde ein lehrreicher Vormittag. Einerseits lernte ich eine Menge über die verspielte, überaus fröhliche Seite dieser ungewöhnlichen Rasse, andererseits lernte ich eine Menge über das "normale" Schönheitsempfinden und die Intoleranz meiner Mitmenschen. Abfällige Bemerkungen über meine - zu der Zeit ausgesprochen exotische - Begleiterin ließen bittere Wermutstropfen in die heitere, vom ausgelassenen Spiel mit dem Bulli bestimmte Stimmung fallen. Sicher, ich zeigte mich zugegebener Weise gern mit raren Hunderassen und amüsierte mich köstlich, wenn der mir anvertraute Bedlingtonterrier als schlecht geschorener Silberpudel angesehen wurde, aber die abfälligen Bemerkungen, die ich mir wegen Cita, deren Charme ich inzwischen restlos verfallen war und die mich voll für sich eingenommen hatte, anhören "durfte", waren zum Teil mehr als verletzend. Zu jener Zeit konnten mich solche Worte noch treffen und zu Antworten reizen - das habe ich mir im Laufe der vielen Jahre abgewöhnt. Heute reagiere ich nur noch - ausgesprochen höflich, sachlich und erklärend-aufklärend - auf "Anmache" in Form solcher Ausdrücke wie Killerhund, Bestie und ähnlichen. Das Wort "Schweinehund", eine Bezeichnung, die mir allen Ernstes einmal jemand mit den Worten: Die heißen aber so - die heißen in England Pig-Dog - erklärte (der gute Mann hatte wohl Pit-Dog gemeint) lässt mich schon lange wirklich - nicht nur äußerlich - völlig kalt.

Noch oft ging ich mit Cita spazieren. Sie war zu der Zeit schon über neun Jahre alt, und sie verblüffte mich stets durch ihr Temperament und ihre trotz des relativ hohen Alters vorhandene Bereitschaft, zu balgen und zu toben. Immer, wenn sie wieder in Urlaubspflege kam, war sie mein Favorit - und ich wohl auch ihrer, denn sowie sie mich sah, übertrug sich ihr heftiges Schwanzwedeln auf den gesamten muskulösen Körper, und ihr Gesicht verzog sich zu jenem unnachahmlichen Grinsen, das mich auch heute noch beim Anblick eines "Bulli-Strahlens" zum Mitgrinsen animiert. Es war eine glückliche Zeit, und alle abfälligen Bemerkungen meiner Mitmenschen schafften es nicht, meine Freundschaft zu Cita zu trüben. Eines Tages kam Cita nicht mehr in Pflege, und das Thema "Bullterrier" sollte längere Zeit ruhen. ..

Monate, ja, Jahre vergingen, und inzwischen hatte eine hübsche graue Deutsche Schäferhündin aus der Nachbarschaft, die ich ständig betreuen und ausführen durfte, voll mein Herz erobert. Es war ein herrlicher Lebensabschnitt mit einem prima Hund, an den ich mich gerne erinnere, ein Lebensabschnitt, der ein jähes, für mich sehr trauriges Ende fand. Bedingt durch den Tod von Ankas Herrchen und die Tatsache, dass Frauchen nicht die rechte Beziehung zu der Hündin hatte, wurde sie in eine andere Stadt verkauft. Ich selbst - zu der Zeit noch Schülerin - und auch meine Eltern (wir lebten in einer Mietwohnung im dritten Stock) hatten keine Möglichkeit, das Tier zu übernehmen. Liebend gern hätte ich Anka für ganz und immer bei mir gehabt und vergoss manch' bittere Träne über den geplanten Verkauf. Manche lange Nacht grübelte ich und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Vergebens - Anka wurde abgegeben.

Der intensive, positive Kontakt zu dieser Hündin bewirkte, dass lange Zeit für mich feststand, welche Rasse ich wählen würde, wenn ich eine eigene Wohnung und die Möglichkeit zur Hundehaltung hätte: einen Deutschen Schäferhund.

Das bisher Erzählte macht deutlich, dass ich als Kind leider keinen eigenen Hund besaß. Das scheiterte an der Tatsache, dass meine Mutter Hunde zwar auf Distanz mochte, aber im eigenen Haushalt und so "hautnah" keinen duldete. Im Rentenalter hat es aber doch ein Yorkshire-Terrier geschafft, sie zu erobern. Einmal jedoch, für ganz kurze Zeit, konnten mein Vater und ich unseren Wunsch verwirklichen: eine winzige schwarze Zwergschnauzerhündin kam zu uns, und Mutter war auch ganz von dem Tierchen angetan. Es hatte allerdings die schlechte Angewohnheit, bei Spaziergängen Kot zu fressen. Die vielfältigen Ursachen für dieses Verhalten waren damals noch nicht bekannt, und der - vielleicht ganz nützliche - Tipp unseres Tierarztes, es doch einmal mit der Fütterung von rohem, ungereinigtem Pansen zu versuchen, stieß bei meiner Mutter auf erbitterten Widerstand. Der Gestank, den die kleine Hündin nach dem Verzehr des Pansens, auch wenn er im Hof verfüttert wurde, verbreitete, war auch sicher nicht Jedermanns (Jederfraus) Sache. Die Sorge meiner Eltern, ich könnte trotz aller sofortigen Säuberungsmaßnahmen mit Kotresten in Möhrchens Bart in Berührung kommen und mich irgendwie mit irgendetwas infizieren, war schließlich der Grund, das Hündchen an ein kinderloses, sehr tierliebendes Ehepaar, welches von der geschilderten Tatsache nicht abgestoßen wurde, weiterzugeben.

Der Wunsch nach einem eigenen Hund aber blieb, und kein Wellensittich, Kanarienvogel, Goldhamster, Meerschweinchen, keine Maus (und einmal war es sogar eine Eidechse) dieser Welt konnten meine Sehnsucht stillen. So stand felsenfest, dass ich, sowie sich die Gelegenheit bot und ich auf eigenen Füßen stand, einen solchen Vierbeiner anschaffen würde.

Inzwischen hatte ich ein großes Interesse für die verschiedenen Hunderassen entwickelt und auch - für die damalige Zeit - recht viele kennengelernt. Ich mochte und ich mag (fast) alle rein- und auch mehrrassigen Hunde - aber für mich persönlich gab es nur einen. Bei allen Vergleichen stand immer wieder meine wolfsgraue Freundin Anka vor mir. Einmal, ganz kurz, gelang es allerdings einem Riesenschnauzer mit dem sinnigen Namen "Männlein", das Schäferhundbild ins Wanken zu bringen. Es war bei einer Rückfahrt aus dem Urlaub, und ich ging in ein Tankstellenhäuschen, um die Spritrechnung zu bezahlen. Dort war er, riesengroß und pechschwarz. Überaus freundlich beschnupperte er mich mit seinem dicken, fleischigen, feuchten "Steckkontakt" und ließ sich streicheln. Dann sprang er auf die  vorhandene Eckbank und setzte sich. Ich "flirtete" mit ihm und fragte scherzhaft: "Männlein, kannst Du Pfötchen geben? Gib Pfötchen!" -- Männlein konnte! Seine Tatze traf mich völlig unvorbereitet mit voller Wucht vor der Brust und ließ mich gut zwei Meter zurückstraucheln. Soviel geballte Kraft hatte ich nicht erwartet, und ich war tief beeindruckt. Diese Freundlichkeit, diese souveräne Kraft: Riesenschnauzer sind tolle Kerle! Sollte es vielleicht doch irgendwann ein "Männlein" für mich geben?

Aber - wie so oft im Leben - kam alles ganz anders.

Die Jahre flogen vorbei, und ich hatte inzwischen geheiratet. Mein Mann und ich wohnten in einer hübschen Mietwohnung und hatten glücklicherweise die Erlaubnis zur Hundehaltung. Meine Zeit ließ es zu, sich ausreichend um einen Hund zu kümmern, die finanziellen Möglichkeiten waren auch gegeben. Also, konkrete Gedanken gemacht! Nur - weder für einen Deutschen Schäferhund und schon gar nicht für einen Riesenschnauzer war unsere Wohnung geeignet. Hm. Da stand ich, der die Auswahl des neuen Mitbewohners überlassen war, nun und war etwas ratlos. Ich kannte ja eine Menge Rassen, aber welche sollte es nun sein? Sollte es überhaupt ein Rassehund sein, oder sollte man lieber einen "Waisenhund" aus dem Tierheim nehmen? Also, noch mal Literatur wälzen, Hundebesitzer nach ihren Erfahrungen fragen, Tierärzte kontakten, Ausstellungen besuchen.

Klar war schon, dass es ein kleinerer bis mittelgroßer Hund sein sollte, möglichst "pflegeleicht" vom Fell her. Er sollte Schneid besitzen und auch Schutzhundeigenschaften aufweisen, da ich hin und wieder das Geld aus den Tageseinnahmen zur Bank bringen musste und mich "behundet" irgendwie sicherer fühlte. Außerdem wollte ich gerne das neue Familienmitglied auf einem Hundeplatz ausbilden. Nach langen Überlegungen schließlich schied ein Tierheimhund aus. Sicher ist es ein sehr gutes Werk, einen solchen "Sozialfall" aufzunehmen, aber da ja im allgemeinen weder Schicksal noch Eigenschaften bekannt sind, können keine bestimmten Erwartungen in solche Tiere gesetzt werden. Natürlich kann auch mal ein Rassehund mit seinen Erbanlagen völlig danebenliegen, aber die Chance, einen Hund mit rassetypischen Eigenschaften zu erwerben, ist ja gottlob ziemlich groß (vorausgesetzt, er kommt aus einer vernünftigen Zucht und nicht von dubiosen "Vermehrern".

Schließlich also waren bei meiner Suche nach dem richtigen Hund nur zwei im Rennen geblieben: der Bullterrier und der (Mittel)Schnauzer. Nach langem Hin und Her fiel die Wahl dann auf den Bulli, den ich zunächst aufgrund der Tatsache, dass zu der Zeit (1971) nur eine relativ kleine Zuchtbasis in Deutschland vorhanden und er sehr schlecht zu bekommen war, auf Platz zwei gesetzt hatte.

So, ein Bullterrier also! Über Vieles hatte ich mich bei meiner Hundesuche erkundigt - Optik und Eigenschaften waren mir vertraut, VDH und Deutscher Club für Bullterrier keine Fremdwörter mehr. Aber - einen ganz wichtigen Faktor hatte ich nicht weiter berücksichtigt: den Kaufpreis. Ich hatte mich anhand des Knaur's Hundebuches orientiert und schon etwas auf die dort angegebenen Preise zugeschlagen, aber die Realität sah anders aus! Schon 1971 war ein einwandfreier Welpe einer etwas selteneren Rasse nicht ganz billig. So - da stand ich nun. Alles war -soweit- klar, aber mit einem solchen Anschaffungspreis hatten wir nun doch nicht gerechnet. Was tun? Alle Bemühungen, aller Zeitaufwand der letzten Wochen waren vergebens. Jemand gab mir den Tipp, einen Hund zu nehmen, der vielleicht einen zuchtausschließenden Fehler hätte, oder einen, der aus irgendwelchen Gründen den Besitzer wechseln müsste. Also - weitergesucht. Um es gleich vorab zu sagen: erfolglos. Ein Bullterrier aus dem Hamburger Raum sollte abgegeben werden, weil er sich mit dem neu zur Familie gekommenen Pony nicht vertrug. Die Familie trennte sich vom Pony. Ein zweiter sollte abgegeben werden, weil er "überscharf" war. Erstens kein Hund für mich, zweitens stellte sich heraus, dass seine Bösartigkeit durch einen Gehirntumor verursacht wurde (das Tier musste eingeschläfert werden). Da stand ich nun, total "heiß" auf einen Hund. Alle Gedanken hatten sich mit dem neuen Mitbewohner befasst, ich hatte Wochen, ja Monate mit der Vorbereitung verbracht, und nun gab es keinen? Den Schnauzer hatte ich inzwischen völlig aus dem Rennen geworfen, denn zu der Zeit konnte ich noch nicht selbst trimmen und scheren, und außerdem hielt mich der Gedanke an einen mit Futter verklebten Bart etwas zurück. Was also tun? Ein zufälliges Gespräch mit einer mir bekannten Tierärztin half weiter. Sie erzählte mir, dass im Münsterschen Tierheim ein wunderschöner Dalmatiner stände, der ein trauriges Schicksal hätte. Er gehöre einer alten Dame, die für längere Zeit im Krankenhaus wäre. Es gäbe niemanden für den Hund, und ob sie ihn jemals wieder halten könne, sei äußerst ungewiss. Er solle in gute Hände vermittelt werden. Dalmatiner? Ja, warum nicht. Wenigstens ansehen könnte ich ihn mir ja mal. Schon während meiner Kindheit gab es in unserer Nachbarschaft zwei davon, einen schwarz- und einen braungefleckten, die mir sehr gut gefielen. Aber würde ein Dalmatiner denn die gewünschten Schutzhundeigenschaften aufweisen? Eine Nachfrage im Tierheim ergab, dass es sich um einen großen, kräftigen Rüden handelte, der bei richtiger Ausbildung sicher auch zum Schutzhund geeignet wäre. Schließlich sei im Buch "Dalmatiner" auch ein Rüde am Hetzärmel abgebildet. Na ja. Also hin zum Tierheim, Hund "nur ansehen". Wer einen Hund sucht, ein weiches Herz hat und sich in ein Tierheim begibt, verlässt es sicher nicht ohne. So hielt denn "Lord" bei uns Einzug. Er war in der Tat ein bildschöner Kerl, er war ein Prachtexemplar, das die Bewunderer auf seiner Seite hatte, er war ein angenehmer, ruhiger Hausgenosse, er war umgänglich, er war gehorsam. Er war aber kein Schutzhund. Nun bin ich nicht der Mensch, der sich von seinem Hund trennt, weil sich der nicht so entwickelt, wie er eigentlich sollte, und heute würde ich vielleicht manches anders sehen und vielleicht auch anders handeln. Aber damals war ich bitter enttäuscht. Ich wollte einen Hund, der bereit war, mich zu verteidigen, und den hatte ich in keiner Weise. Entsprechende Scheinangriffe auf mich auf dem Hundeplatz bewiesen diese Tatsache eindeutig. Trotzdem stand es zunächst nicht zur Debatte, mich von Lord zu trennen. Dann aber kam ich mit netten Leuten ins Gespräch, die ein Altenheim und einen Kindergarten leiteten und auf der Suche nach einem Schmusehund für ihre Schützlinge waren. Ich überlegte lange und gründlich, und ich machte mir den Entschluss wirklich nicht leicht, aber schließlich kam ich zu der Überzeugung, dass es doch besser sei, Lord dorthin zu geben. Es war ein guter Entschluss. Durch Zufall traf ich den Dalmatiner nach zehn! Jahren noch einmal. Er war ein gesetzter, etwas wohlgenährter Hundeherr, der einen überaus zufriedenen Eindruck machte. Und ich? Ich war zu der Zeit seit zehn Jahren überglückliche Besitzerin eines Bullterriers! - Eines Bullterriers, der mich nie enttäuscht hat und der meine Erwartungen, die ich in ihn setzte, nicht nur voll erfüllt, sondern sogar übertroffen hatte! Und zu ihm kam ich so:

Nach der Enttäuschung mit Lord wurde beschlossen, kein Risiko mehr einzugehen. Ein Bullterrier und sonst nichts sollte ins Haus! Also, herumtelefoniert, gesucht. Ergebnis: zunächst gleich Null. Die Frühjahrswürfe waren vermittelt, die Herbst-/Winterwürfe wurden erwartet. Kein Bulli-Kind zu haben. Doch jetzt meinte es das Schicksal gut mit mir: in Bielefeld war im April 1971 ein Fünfer-Wurf gefallen. Die nette Züchterfamilie, bei der dieses Ereignis stattfand, besaß damals die Bullterrierhündin Birke vom Weserbergland und eine etwas ältere Rottweilerdame mit Namen Burga. Gerade zu der Zeit, als Birke warf, erlitt die Rottweilerhündin einen Schlaganfall, und man musste um ihr Leben fürchten. Da die Züchterfamilie aber gern zwei Hunde halten wollte, behielt sie einen Welpen aus dem Wurf der Bulli-Hündin für sich: Artus vom Leinenweber. Artus - König der Tafelrunde. Der Name war, wie sich später, als er ein erwachsener Hund war, zeigte, gut gewählt. Er war schon eine königliche Erscheinung, wenn er würdevoll einherschritt und sich die Muskeln unter dem rotbraunen Fell, welches nur auf der Brust durch ein weißes "Lätzchen" geziert wurde, abzeichneten. Zwar war er nicht besonders substanzvoll, eher drahtig-sportlich, aber sein Auftreten zeugte ebenso von Erhabenheit und gelassener Ruhe wie sein Gesichtsausdruck, der durch die dunkle Maske und die hellwachen Augen bestimmt wurde und unvergleichlich souverän wirkte.

Glücklicherweise war die Rottweilerhündin Burga zäh und vital, sie erholte sich erstaunlich gut, und so gab es drei Hunde im Haus - etwas viel für eine Wohnung im ersten Stock. Also wurde schweren Herzens beschlossen, Artus doch zu verkaufen. - Und gerade in diese Situation hinein platzte ich mit meiner Nachfrage! Jawohl, in liebevolle Hände sei der Hundebengel abzugeben! Toll! Mein Herz vollführte Freudensprünge, und ein Termin zur Besichtigung war schnell vereinbart. Auf nach Bielefeld. Es war an einem Sonntagmorgen im September, als mein Mann und ich voller Spannung bei der netten Züchterfamilie klingelten. Aus der Wohnung erklang tiefes, wohltönendes Bellen. Es wurde aufgedrückt, und wir stiegen mit Herzklopfen die Stufen empor. Vor der Wohnungstür bot sich uns folgendes Bild: imposant standen Bulli- und Rottihündin nebeneinander, reserviert wartend und skeptisch dreinblickend. Da aber schob sich ein kleiner, rotbrauner Körper an ihnen vorbei und wuselte und kollerte die Stufen herab auf uns zu: ER! Es war Liebe auf den ersten Blick! Mein Mann und ich waren sofort total vernarrt in diesen viereinhalb Monate alten Knaben. Trotzdem gelang es mir, meine Begeisterung etwas zu verbergen und das Hundekind genau zu inspizieren: ein Blick auf den (hervorragenden) Allgemeinzustand, ein Blick zwischen die Zehen, einer in die Ohren, in den Fang, einer ob die Hoden sichtbar waren. Es war alles bestens, und nach etwas "Hundelei" und netter Unterhaltung sollte Artus Abschied nehmen von seinem bisherigen Zuhause. Das ging natürlich nicht so ganz ohne Abschiedsschmerz. Den beiden Kindern der Familie rannen ungehemmt Tränen über die Wangen, während sie liebevoll die kleinen Bulliohren "rollten", die Züchterin hatte feuchte Augen und ihr Mann eine sehr belegte Stimme. Wie die beiden Hundedamen reagierten, weiß ich nicht mehr; die ganze Situation war für mich überwältigend: der erste Bullterrier meines Lebens! Ich konnte es kaum fassen, als die Züchterin ihm sein kleines Halsband anlegte und mir die Leine in die Hand drückte. Ganz selbstbewusst und (merkwürdigerweise?) ohne zu Zögern ging Artus mit zu dem wartenden Auto. Meine Eltern waren mitgekommen, mein Vater wollte fahren, damit mein Mann und ich genug Gelegenheit hatten, uns auf dem Rücksitz während der fast dreistündigen Fahrt mit dem kleinen Kerl zu beschäftigen. Er verhielt sich ganz toll: standen wir an einer Ampel, beäugte er misstrauisch die vorübergehenden Passanten, um auch hin und wieder zu knurren, wenn sich jemand zu dicht an seinem Auto vorbeiwagte. In dem Lokal, in das wie zum Mittagessen einkehrten, rollte er sich ruhig und artig unter dem Tisch zusammen, niemand bemerkte, dass wir in "tierischer" Begleitung waren. Schon in den ersten Stunden unseres Zusammenlebens überzeugte er uns von seinen Qualitäten. Im neuen Daheim angekommen, wurde natürlich zunächst alles gründlich beschnuppert. Stieß Artus noch irgendwo auf Lords Duftspuren, sträubte er sein Nackenfell, was bei so einem kleinen Wicht noch sehr niedlich aussah. Dann, nach ausgiebigem Fressen, Trinken und Lösen, schlief er ruhig und friedlich in dem ihm zugedachten Korb. Es war für alle ein aufregender Tag gewesen.

In den folgenden Wochen wurden erste Schritte in Richtung Erziehung unternommen, aber so viel gab es gar nicht zu erziehen: bedingt durch die Tatsache, dass Artus ja viereinhalb Monate zählte und in einer Wohnung mit vollem Familienanschluss gelebt hatte, war er völlig stubenrein. Allerdings meldete er seine Bedürfnisse in dieser Hinsicht nur durch stures "Vor-die-Tür-setzen", niemals gab er deswegen irgendwie Laut. Es war aber nur eine kleine Mühe, hin und wieder nachzusehen, ob der "stummen Protest" machte, wie wir es nannten. Das Hörzeichen "Komm" beherrschte er prima, "Sitz" klappte auch schon spielerisch. Allerdings war es recht schwierig, ihm klarzumachen, dass Hunde an sich in Körben schlafen und sie nicht zernagen; nach dem vierten Korb, dessen Rand mit Blumendraht umwickelt wurde, hatte er es aber kapiert. Auch dass Pantoffeln keine Alternative zum Kauknochen sind, verstand er bald. Außerdem führte ich mir vor Augen, dass ich ja nun auch keine Pantoffeln unbeaufsichtigt herum liegenlassen durfte. Was ihn allerdings dazu bewog, einen 10 Zentimeter langen Streifen von der Längsseite unserer Bettumrandung abzunagen, obwohl er reichlich Kauspielzeuge hatte, weiß ich nicht...

Im Laufe der Zeit erlernte Artus nach und nach alle Kommandos, die ein braver Hund so kennen muss, und seine Ausbildung bereitete große Freude. Mir war von vornherein klar, dass bei der Erziehung eines Bullterriers ganz andere Maßstäbe angelegt werden mussten als beispielsweise bei einem Deutschen Schäferhund, und so ging ich mit viel Verständnis und Geduld an meine nicht ganz so leichte Aufgabe. Schließlich beherrschte Artus aber die gesamte "Unterordnung", und mit gut zwölf Monaten ging es an den Schutzdienst. Schon vorher war Balgen und Zerren an Säcken und großen Lederstücken eine seiner Lieblingstätigkeiten, aber der spielerisch zum Kämpfen überlassene Hetzärmel bereitete ihm größtes Vergnügen. Später, als das Spielerische dieser Aktionen vorbei war und er "richtigen" Schutzdienst absolvieren sollte, legte er derartigen Eifer, Temperament und sogar Zorn an den Tag, dass ich diese Art von Ausbildung abbrach. Zwar riet man mir, mit "Starkzwang" zu arbeiten, aber das angeschliffene Stachelhalsband dieser sogenannten "Hundefreunde" habe ich meinem Hund niemals zugemutet. Schade, dass es damals noch kein Agility gab, so etwas wäre für den sportlichen Artus ideal gewesen. Nach und nach gab ich auch die Unterordnungs-Übungsstunden auf, und mein Mann und ich boten dem Hund auf Wanderungen ausreichend Gelegenheit, seine Kräfte auszutoben. Da wurden mit Begeisterung armdicke, zwei und auch drei Meter lange Äste und Baumstämme geschleppt, da wurde geschwommen, da wurde gerannt. Da wurden die Leitern von Hochsitzen erklettert, von denen wir ihn hinab heben mussten, und es wurde auch mal im Übermut vom Turm einer DLRG-Wache gesprungen (das allerdings würde ich heute im Hinblick auf den Schaden von Bändern und Gelenken keinem Hund mehr erlauben).

Es waren herrliche Jahre. Zu den täglichen Erlebnissen mit unserem Bulli kamen wunderschöne Urlaube, die ihm und uns gleichermaßen Freude bereiteten. Egal, ob es ans Meer ging, wo er nicht nur schwamm, sondern auch tauchte! und tiefe Löcher in den Sand buddelte (hinterher gab's beim Lösen "Sandwürstchen"), oder ob wir zum Wandern in die Berge fuhren - wir hatten zusammen eine Menge Spaß. Wenn er geschwommen und getaucht hatte, sah er allerdings nicht mehr so ganz wie "König Artus" aus, schon eher wie ein Ritter, der fürchtete, dass seine Rüstung rosten könnte. Mit schief gehaltenem Kopf wartete er geduldig, bis wir ihm das Wasser aus den Ohren wischten.
Ja, Artus und das Wasser. Mit "sanftem" Zwang - wobei ich allerdings blutende Kratzer an den Oberschenkeln davontrug -hatten wir ihn daran gewöhnt, mit in unserem knallroten Gummiboot zu fahren. Nachdem er gemerkt hatte, dass nichts Schlimmes passiert in diesem schaukelnden Ding, bereiteten ihm unsere Paddeltouren größtes Vergnügen. Bereitwillig kletterte er ins Boot, und irgendwie kam er von selber auf die Idee, ins Wasser zu springen, sowie wir wieder Land ansteuerten. Die letzten paar Meter schleppte er unser Bötchen mittels Leine ans Ufer, stolz darauf, einmal mehr seine Kraft demonstrieren zu können.

Eines Tages befanden wir uns an einem herrlichen Binnensee in den Vogesen, als Artus auf dem Wasser ein Boot, dass verblüffende Ähnlichkeit mit dem unsrigen hatte, entdeckte. Ehe wir sein Vorhaben erfasst hatten, war er hinausgeschwommen und versuchte, es zu entern. Wir mussten ziemlich energisch rufen, um ihn von seinem Plan abzubringen.

Ach ja, dieser Binnensee in den Vogesen. Er hatte an manchen Stellen ein etwas steiles Ufer; die Wasseroberfläche lag ungefähr einen Meter unter dem Landniveau. Mein Mann hatte ausgekundschaftet, dass die Wassertiefe gut ausreichte, um gefahrlos hineinzuspringen, was er nun wiederholt tat. Artus schaute ihm zu, beseelt von dem Wunsch, seinem Herrchen zu folgen. Er traute sich aber zunächst nicht so recht, ebenfalls diesen Sprung zu wagen. Aufgeregt rannte er am Ufer auf und ab in der Hoffnung, eine seichte Stelle zu finden - aber es gab keine. Also fasste er sich schließlich doch ein Herz und hüpfte hinein. Aha, so ging das also. Nachdem er sich einmal überwunden hatte, gehörte dieser Sprung in der folgenden Zeit zu seinen bevorzugten Späßen.

Ein anderes Mal lud uns in Frankreich ein malerischer, kristallklarer Fluss zum Bade. In seiner Mitte hatte er eine kleine Kiesinsel mit spärlicher Vegetation, zu der wir hinübergepaddelt waren. Da es sehr heiß war, hatte Artus uns schwimmend begleitet. Den ganzen Nachmittag tobte er im Wasser herum, um schließlich ermüdet nach einem Schlafplätzchen zu suchen. Auf dem harten Untergrund fand er aber nicht das Rechte, und so rollte er sich schließlich ins Boot, um seine Kräfte zu regenerieren. Ganz schön clever!
Allerdings hatte er auch zwei Begegnungen mit dem nassen Element, die für ihn sicher nicht so erfreulich waren, uns im Nachhinein aber einmal mehr schmunzeln lassen.
Beide Begebenheiten trugen sich in den Niederlanden zu.
Wir hattenr ein kleines Kajütboot mit Außenbordmotor gemietet und schipperten auf dem Ijsselmeer herum. Um die kleine Kajüte herum führte ein schmaler Steg, der zum Bug hin immer spitzer zulief. Natürlich musste Artus, den ich aus irgendwelchen Gründen noch nicht abgeleint hatte, darauf herumklettern. Plötzlich stellte er fest, dass es nicht mehr weiterging und versuchte, zu wenden. Dieser Versuch misslang, und Artus landete mit einem gewaltigen Platsch im Wasser. Immer noch hielt ich die Leine in der Hand. Sofort rief ich meinem Mann zu, er solle das Boot stoppen, was er natürlich auch gleich tun wollte. Nur - er kannte sich noch nicht so ganz mit dem Outboarder aus, und anstatt zu stoppen, gab er Vollgas. Unser Hund hing immer noch an der Leine und wurde sekundenlang mit einer gewaltigen Bugwelle, das Halsband hoch an den Ohren, hinter dem Boot hergezogen. Wir waren alle drei glücklich, als Artus wieder an Bord gehievt war und abfrottiert werden konnte!

Das andere Mal gingen wir spazieren; Artus tollte übermütig frei herum. Wir näherten uns einem kleinen Weiher, der völlig mit grünen Wasserlinsen überwuchert und deshalb für den Hund wohl nicht erkennbar war. In vollen Lauf rannte er darauf zu und - ohne sein Tempo zu verringern, hinein. Plitsch! Er schaute etwas beleidigt drein, als er, geschmückt wie Neptun, den Fluten entstieg.

Ja, wir hatten heitere und manchmal auch etwas spannende Erlebnisse mit unserem Hund, so zum Beispiel, als wir eines Abends in der schon ziemlich fortgeschrittenen Dämmerung über einen Deich spazierten. Zu spät, um Artus zurückrufen zu können, sahen mein Mann und ich die große Katze, die auf dem Deich stand. Sie fauchte energisch, bemerkte aber schnell, dass der Hund, der da auf sie zuschnellte, so nicht zu beeindrucken war und suchte ihr Heil in der Flucht. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschwanden die beiden in der Dunkelheit. Das Dorf, an dessen Rand sich dies alles abspielte, lag in absoluter Stille. Jedes Geräusch musste unangenehm auffallen, und so hielten wir uns zurück, allzu laut nach unserem Hund zu rufen. Meine Hundepfeife hatte ich dummerweise auch nicht dabei, und unser energisch gezischtes "Artus - hier" verhallte fruchtlos. Plötzlich drang aus einem der nahen Viehställe unruhiges Stampfen und Muhen. Wir wissen bis heute nicht, ob die Katze vor unserem Bulli in den Stall geflüchtet und er hinterher gesaust ist oder ob die vernommene Unruhe Zufall war. Jedenfalls stellten wir uns mit Schrecken vor, dass vielleicht ein (zu Recht) zorniger Bauer mit einer Schrotflinte auftauchen und auf unseren Begleiter schießen könnte. Wir wagten keinen Mucks mehr. Dann bot sich uns eine Szene wie aus "High Noon". Es war inzwischen fast ganz dunkel geworden, ein bleicher Mond tauchte die Dorfstrasse in diffuses Licht. Da - mitten auf der Dorfstrasse tauchte wie aus dem Nichts Artus auf. Ruhig und lässig trottete, nein, schritt, er auf uns zu, als sei gar nichts gewesen. Als er uns erreichte, lobten wir ihn zähneknirschend und sehr leise, weil er so brav zurückgekommen war. Schnell verließen wir dann mit unserem Hund an der Leine den Schauplatz des Geschehens. Damals fühlten wir uns ausgesprochen unwohl, aber nach einiger Zeit mussten wir über dieses Erlebnis doch schmunzeln.

Nicht gerade ohne Spannung war auch jenes Abenteuer, bei dem uns eine Winterwanderung an einem Gebirgsbach, der jedoch durch einen etwa zwei Meter hohen Schneewall entlang des Weges unsichtbar war, entlang führte. Voller Übermut sprang unser Hund eben auf jenen Wall, der unter der Wucht des Anpralles natürlich nachgab. Unsere Herzen blieben fast stehen, als Bulli in den zwar eiskalten, aber glücklicherweise nicht reißenden Bach plumpste. Trotz all seiner Geschicklichkeit gelang es ihm nicht, aus dem Wasser zu kommen und schon gar nicht, aus eigener Kraft die steilen Schneewände zu erklettern. So bildeten mein Mann und ich mittels langer Hundeleine und Gürteln eine regelrechte Seilschaft, um unseren Freund aus seiner misslichen Lage zu befreien.
Seine anschließenden, ziemlich komisch aussehenden Versuche, sich im Schnee trockenzureiben, ließen uns wieder lachen. Es sah aber auch zu ulkig aus, wie er mit der Schnauze über die weiße Pracht scheuerte, sich über die Schulter abrollte und auf dem Rücken herumkugelte. Im Dauerlauf ging es zum Auto, um Bulli abzufrottieren und in eine wärmende Decke zu hüllen.

Zu den sehr heiteren Erinnerungen zählen folgende Begebenheiten:

Eine andere Winterwanderung führte uns über einen steilen, vereisten Weg. Herrchen, Frauchen und Hund wichen dem Eis aus, indem sie durch den tiefen Schnee rechts und links des Wegsaumes stapften. Ein mühsames Unterfangen! Irgendwann erschien unserem Hund dieses Fortkommen zu mühsam, und er sprang auf den Weg, mitten auf die dicken Eisplatten. Natürlich verlor er sofort jeglichen Halt und geriet ins Schliddern. Er setzte all' seine Kraft ein und fuhr die kräftigen Krallen aus, um die immer schneller werdende Rutschpartie auf dem steilen Weg zu stoppen. Vergebens. Er rutschte und rutschte, bis er schließlich mit ziemlicher Wucht vor einen Weidezaunpfosten prallte, der der ungewollten Reise ein jähes, heftiges und sicherlich nicht ganz schmerzfreies Ende setzte. Nie werden wir Bullis Gesichtsausdruck vergessen, der ungläubiges Erstaunen über die versagende Kraft und auch aufkommende Panik widerspiegelte. Als wir unseren Gang fortsetzten, machte Artus keinerlei Anstalten mehr, sich von uns aus dem tiefen Schnee zu entfernen, auch wenn es für ihn noch so anstrengend war.

Eines Wintertages fuhren wir mit dem Auto auf das Penser Joch. Dieses ist zu jener Jahreszeit gesperrt, wird aber bis zu den letzten Einödhöfen des Sarntales geräumt, und ein Befahren bis zu dieser Stelle war auch Nicht-Anliegern erlaubt. Schon öfter waren wir hier gewesen, um die herrliche Wintersonne und die absolute Ruhe der imposanten Berglandschaft zu geniessen. Heute wollten wir ein paar Filmaufnahmen machen, bei denen - wie fast immer - unser Hund als Hauptdarsteller vorgesehen war. Einfach Bulli-Action pur war geplant, und der legte auch gleich mächtig los. Kaum aus dem Auto gesprungen, tobte er übermütig durch die weiße Pracht, prustete und biss spielerisch hinein. Besonderen Spaß hatte er daran, wenn wir unsere Hände unter die Schneedecke steckten und sie bewegten. Hei, wurde da gebuddelt, bis die "Beute" gefunden war! So, nun gefilmt. Es klappte alles prima, bis mein Mann auf die Idee kam, sich samt Kamera bäuchlings auf die mit einer dünnen, glatten Schneedecke versehene und selbstverständlich nicht gestreute Strasse zu legen und den Hund zu rufen, um zu filmen, wie dieser in voller Geschwindigkeit auf ihn zusauste. Das tat der auch regiegerecht - nur, er konnte nicht rechtzeitig abbremsen. Er geriet ins Schlindern, und meinem Mann gelang es nicht mehr, sich zur Seite zu rollen. Mit voller Wucht traf Artus die Kamera. Eine verbogene Brille, ein blaues Menschenauge und eine zerkratzte Bulli-Nase waren das Resultat. Das anschließend von mir aufgenommene Foto zeigt bei Kameramann und Hauptdarsteller gleichermaßen einen recht irritierten Gesichtsausdruck. Die Film-Szene allerdings wäre es wert, zu "Pleiten, Pech und Pannen" geschickt zu werden.


Ja, langweilig war es nie, und wenn uns unser Hund "nur" mit einer phänomenal anmutenden Erinnerungsgabe überraschte. Schon oft hatten wir bemerkt, dass Artus auch nach längerer Zeit Stöcke, mit denen er gespielt hatte, wiederfand, wenn wir zufällig wieder den gleichen Weg wählten. Was er aber nun an "Gedächtnis" an den Tag legte, versetzte uns doch in Erstaunen. Bei einer Wanderung - wieder einmal war es in Südtirol - hatte eine Katze es vorgezogen, einer Begegnung mit dem Bulli zu entgehen, indem sie auf einen Baum flüchtete. Da stand er nun fasziniert unten und ärgerte sich, dass Hunde nicht auf (alle) Bäume klettern können. (Solche mit tief angesetzten, schrägen Ästen stellten kein Hindernis für ihn dar, besonders Korkweiden erklomm er aus eigenem Antrieb, ohne von uns jemals dazu aufgefordert worden zu sein). Schließlich gab er sein Warten auf und folgte uns, immer noch einmal zurückblickend. Zwei Jahre später führte uns unser Weg wieder an dem "Katzenbaum" vorbei. Groß war unsere Verblüffung, als Artus zielstrebig vorlief und sich erwartungsvoll nach oben blickend unter dem Baum postierte. Natürlich vergebens. Sichtlich enttäuscht trollte er sich. Dieses Schauspiel folgte in den folgenden Jahren noch mehrmals.

In allen Hotels und Pensionen, in die unser Hund mit uns ziehen durfte, war er ein wohlgelittener Gast. Er war unauffällig, ruhig und brav, und nie hat er irgendeinen Schaden angerichtet. In ein kleines Hotel in den Niederlanden durfte er zunächst nicht mit. Es war der Samstag vor Pfingsten, und wir fanden nirgendwo anders eine Unterkunft. Artus sollte im PKW schlafen, was auch weiter nicht schlimm für ihn war, denn er kannte und er liebte sein Auto. Wir erfuhren aber, dass es eine sehr laute und unruhige Nacht werden würde, da es in jenem Ort Brauch ist, das Pfingstfest mit viel Lärm, Feuerwerk, hinter Fahrrädern hergezogenen Mülltonnen und ähnlichem einzuleiten. Wir bettelten und redeten uns den Mund flusig, um den Hotelier von Artus' guten Manieren zu überzeugen. Wir zeigten seine Schlafmatte vor und versicherten hoch und heilig, dass er niemals ins Bett käme. Schließlich hatten wir es geschafft, Bulli durfte mit aufs Zimmer. Als wir das Haus verließen, verabschiedete man sich von uns mit den Worten: "Sie können jederzeit wiederkommen - mit Ihrem Hund". So etwas freut einen ja nun ungemein, und wir waren stolz und glücklich.

In einer Privatpension war die Köchin recht vernarrt in unseren Vierbeiner. Sie fragte, ob er auch ab und zu (schwach gewürzte) Essensreste fressen dürfe, und als wir bejahten, holte sie Knödel, Braten und Soße mit den Worten: "I hoabs ihm gewärmt". Ja, er hatte schon seine "Fans", obwohl sein Aussehen auch häufig auf Ablehnung und Unverständnis stieß. Hysterische Angst aber, wie sie in den letzten Jahren Bullterriern entgegenschlägt, hatte niemand vor ihm. Es waren unbekannte, seltene Hunde, die von wirklichen Kennern und Liebhabern gehalten wurden. Noch missbrauchte sie niemand in Deutschland zu Hundekämpfen, noch versuchte niemand, mit ihnen das eigene angekratzte Ego aufzupolieren.


Im "normalen Alltagsleben" erwies Artus sich selbstverständlich als ebenso angenehm wie in den Urlauben. Niemals gab er Mitbewohnern Anlass zur Klage und war wohlgeduldet. Aber auch innerhalb unserer vier Wände hatten wir Erlebnisse mit ihm, an die wir uns gern erinnern. So brav er sich gebetenen Gästen gegenüber verhielt, so energisch konnte er sein, wenn er spürte, dass Leute nicht willkommen waren. Mit besonderer Freude erinnere ich mich an jene Szene mit dem Vertreter, der geschellt hatte, um mir einen Staubsauger zu verkaufen. Artus saß dösend in seinem Korb, der etwa 3 Meter von der Wohnungseingangstür entfernt in der Diele stand, und wirkte äußerst schläfrig und gelangweilt. Meine Argumente dem Vertreter gegenüber, wir seien wirklich nicht an seinem Angebot interessiert, verfolgte der Hund recht desinteressiert, als einzige erkennbare Regung zuckte hin und wieder eines seiner Ohren. Der Vertreter gab so schnell nicht auf und erlaubte es sich, einen Fuß über die Türschwelle zu setzen mit den Worten: "Sie haben aber doch alles auslegt!" Bis heute weiß ich nicht, wie Artus es schaffte, innerhalb von Sekundenbruchteilen wie eine Sprungfeder aus seiner entspannten Haltung heraus zur Tür zu schnellen. Da stand er nun drohend, mit zornig-funkelnden dunklen Augen, leise knurrend, vor dem aufdringlichen Menschen, der - ebenfalls blitzschnell - seinen Fuß zurückgezogen hatte und sich ganz rasch mit den gemurmelten Worten "Ich sehe schon, Sie brauchen nichts" verabschiedete.

Ein anderes Mal hatten wir Handwerker, und einer von ihnen war in den Keller gegangen, um das Wasser abzudrehen. Ich wunderte mich schon, warum es so lange dauerte, bis er zurückkam, als ich auf einmal aus der Diele ein zaghaftes "Hallo" vernahm. Da stand unser Bulli in der gerade beschriebenen Haltung vor dem fleißigen Mann, und sein ganzer Ausdruck verriet, dass er ihm keine Chance lassen würde, auch nur einen halben Meter weiter in die Wohnung zu kommen. Erst als ich ihm erklärte, es sei alles o.k., zog er sich zurück.

Artus hatte noch das Glück mitzuerleben, wie wir aus der Stadt in ein kleines eigenes Haus am Stadtrand in fast schon etwas ländliche Gegend zogen. Auch beim Einzug in unsere neue Bleibe gelang es ihm, einem Handwerker Respekt einzuflössen. Ein Schreiner war im Schlafzimmer hinter verschlossener Tür damit beschäftigt, den Kleiderschrank aufzubauen. Ich war kurz losgegangen, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Der Schreiner benötigte Werkzeug, welches sich noch auf dem Möbelwagen befand. Ich muss sicher nicht sagen, dass er erst weiterarbeiten konnte, als ich nach Hause kam…

Es verging die Zeit, und Artus war alt geworden. Eine Arthrose im Hüftgelenk machte längere Wanderungen unmöglich, chronische Zwischenzehenekzeme (die ich heute mit homöopathischen Mitteln und einer Futterumstellung angehen würde), setzten ihm zu. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand nun darin, die wärmenden Strahlen der Sonne auf seinem immer noch glänzenden Fell zu spüren und friedlich vor sich hinzudösen. Seine Streicheleinheiten, sein kuscheliges Plätzchen, seinen Garten, eine gute Mahlzeit - mehr brauchte er nicht zur Zufriedenheit. Da entdeckte ich eines Tages zwei Knoten unter seinem Fell. Ich stellte ihn dem Tierarzt vor, und der riet zur Operation. Er hielte das bei den Gegebenheiten für das beste, allerdings warnte er mich vor dem Risiko einer Vollnarkose. So verschob ich diesen Eingriff um mehrere Wochen, aber die Knoten wuchsen deutlich. Nun hatte Artus schon oft bewiesen, dass er mir absolut vertraute. Er hatte es - so unglaublich es klingt - geduldet, dass man ihm mittels Ultraschall ohne Narkose den Zahnstein entfernte (das war zum ersten Mal in seinem neunten Lebensjahr erforderlich!), während er auf dem Behandlungstisch in meinem Arm lag. Er muckte sich während dieser Prozedur kein bisschen, und als wir ihn auf die andere Seite drehten, um die zweite Hälfte seines prachtvollen Gebisses zu reinigen, ließ er auch das ohne Widerstand geschehen.

So beratschlagte ich mit dem Tierarzt, der Hund und Frauchen gut kannte, ob es nicht möglich sei, die Geschwülste nur unter örtlicher Betäubung zu beseitigen. Er hatte zunächst große Zweifel, aber die rasche Vergrößerung der Knoten und der schlechte Allgemeinzustand des Hundes ließen ihn schließlich zustimmen. So wurde ein Termin vereinbart, zu dem auch mein Mann anwesend sein durfte. Artus bekam die entsprechende Lokalanästhesie und sonst nichts. Kein Beruhigungsmittel, gar nichts (ich auch nicht). Dann ging es los. Zur Vorbereitung wurden die zu operierenden Stellen rasiert, desinfiziert und mit Folie abgedeckt. Artus lag ganz still. Der Arzt setzte das Skalpell an und begann sein Werk. Mein Mann bekam weiche Knie und musste sich abseits auf einen Stuhl setzen. Der erste, etwa gänseeigroße Knoten war entfernt. Nun musste die Naht gelegt werden, und es kam ganz besonders darauf an, dass Bulli ruhig lag. Er lag ruhig. Er lag auch ruhig, als der zweite Knoten entfernt und die zweite Naht gelegt wurde. Er lag - und das ist kein Hundelatein - die ganze endlose Stunde lang ruhig in meinen Armen, ohne das geringste Zucken, ohne den leisesten Versuch, seine Position zu verändern.

Er hatte die Operation überstanden, aber das Untersuchungsergebnis der eingeschickten Geschwülste war niederschmetternd - Artus würde das Jahr nicht überleben.

Irgendwie beschlich uns der Gedanke, dass wir seinen Abschied besser verkraften könnten, wenn zu jenem traurigen Zeitpunkt schon ein anderer Hund im Hause wäre. Ein zweiter Hund? Zu Artus? Zu diesem alten Kämpen, der im Laufe der Jahre durch heftige Raufereien - die selten von ihm, dass sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, angezettelt wurden, denen er sich aber auch sehr gerne stellte - zum Hundefeind geworden war? Der auch Hündinnen, die nicht seine Sympathie hatte, "verrollte"? Der sich am Hause seines "Lieblingsfeindes" zu einer Zeit, als ihm das Laufen schon schwerfiel und er lustlos hinter uns her tappte, zu vollem Imponiergehabe aufblähte? Um Zentimeter größer als normal, die müden Knochen ignorierend, stolzierte er in unnachahmlicher Pose an "Struppi" vorbei, um, sowie der außer Sichtweite war, regelrecht zusammenzufallen und weiterzutappen.

Ach ja, seine Raufereien. Vielleicht sollte man sie besser verschweigen in einer Zeit, wo der sozialverträgliche Hund gefragt ist? Wo Kampfhunde einen äußert schlechten Ruf genießen? Wo der Ruf nach Abschaffung und gar Einschläfern dieser "Bestien" laut klingt? Wo sich nicht einmal mehr gleich starke Hunderüden in einem - meist nur gefährlich aussehendem - Geplänkel zähnefletschend gegenüberstehen dürfen? Doch, ich erzähle davon. Sie gehören zu Artus wie alles andere Berichtete auch.

Das erste Mal in seinem Leben begegnete ihm ein anderer Hund unfreundlich, als er 19 Monate alt war. Dieser zweite Weihnachtstag des Jahres 1972 bleibt mir in unauslöschlicher Erinnerung. Mein Mann und ich spazierten mit unserem Vierbeiner am Ufer der Ruhr entlang, als uns ein Wanderer mit seinem Deutsch-Drahthaar-Rüden entgegenkam. Alles ging unglaublich schnell. Die Hunde berührten sich irgendwie, aber Feindseligkeiten waren weder zu sehen noch zu hören. Beide liefen nach dieser Berührung, die keineswegs nach einer Beißerei aussah, unbeeindruckt weiter. Wir setzten unseren Weg fort, doch als Artus nun auf uns zukam, klaffte eine Wunde quer auf seiner Stirn. Sie blutete kaum, war aber so tief, dass bläuliche Knochenhaut zu sehen war. Rasch suchten wir den Tierärztlichen Notdienst auf, wo die Verletzung (ohne Betäubung!) genäht wurde. Hier stellte ich zum ersten Mal fest, dass Artus Schmerz durch "Schmatzen" bekundete. Das war aber auch die einzige Reaktion bei jener sicher nicht gerade angenehmen Prozedur. Er trug die erste Narbe seines Lebens davon. Später kamen noch einige hinzu. Alle quer im Gesicht verlaufenden kundeten von Auseinandersetzungen mit Artgenossen, alle längs verlaufenden von Begegnungen mit Stacheldraht, den er ignoriert hatte.

Von Stund' an mochte Artus zunächst einmal nur Deutsch-Drahthaar nicht mehr leiden. Weitere Angriffe anderer Artgenossen folgten im Laufe der Jahre, schließlich war aus unserem Bulli ein notorischer Hundefeind geworden, der selbst, wie schon vorher geschrieben, unfreundliches Verhalten großer Hündinnen nicht mehr tolerierte. Ansonsten aber spielte und tollte er gern mit Hundedamen, wobei es ihm besonders kleinere sehr angetan hatten. Eine Zwergschnauzerdame flitzte des Öfteren unter seinem Bauch her, was ihn sichtlich irritierte.

Zum Teil war es - in der Erinnerung betrachtet, recht beeindruckend und manchmal sogar - darf es gesagt werden? - erheiternd, was wir durch seine Unverträglichkeit erlebt haben.

Unvergessen bleibt jener Samstag Morgen, an dem mein Mann ins Auto gestiegen war, um ins Geschäft zu fahren. Ich stand in der offenen Haustür, um ihm nachzuwinken, und ich hatte den besagten Struppi übersehen, der in unserer stillen Anliegerstrasse wohl auf Freiersfüßen wandelte (sonst lief er nie weit von seinem Haus weg). Mein Mann bog um die Ecke, und in diesem Augenblick, gerade als ich die Tür schließen wollte, entdeckte ich den dunkelgrauen Mischling. Im selben Augenblick entdeckte Artus ihn auch! Mit der ihm eigenen Geschwindigkeit raste er auf den Kontrahenten zu - der suchte sein Heil in der Flucht. Mein scharfes "Artus - hier" verhallte unbeachtet. Noch bevor ich Jacke und Schuhe angezogen und die Leine vom Haken genommen hatte, kam mein Mann zurück, einen überaus stolz blickenden Artus auf dem Beifahrersitz. Sein Erlebnis an diesem frühen Morgen lässt uns heute noch schmunzeln. Er war also gerade um die Ecke gebogen, als er von zwei Hunden überholt wurde, von denen einer zur größten Überraschung der eigene war. Die Tiere rannten über die - zu der Zeit gottlob - nicht sehr befahrene Hauptstraße in den kleinen Ort, mein Mann fuhr hinterher, um Schlimmeres zu verhüten. In der Ortsmitte steht eine Kirche, darum herum führt eine Einbahnstrasse. Die beiden Hunde hielten sich natürlich nicht an irgendwelche Verkehrsregeln und flitzten falsch herum in diesen "one-way" hinein; mein Mann konnte ihnen somit nicht direkt folgen. Er fuhr ordentlich um die Kirche herum und erreichte die beiden gerade in dem Moment, in dem auch unser Hund seinen Gegner erreicht hatte und durch die Gosse rollte. Ein gezielter, aufgrund der stahlharten Muskulatur nicht ganz leichter, Griff in Artus Nackenfell, und Struppi konnte seine Flucht fortsetzen, denn zum Glück hatte unser Hund seinen Biss noch nicht gefestigt.

Ein anderes Mal wurde er in Frankreich von einem streunenden Strandhund angegriffen. Bei der folgenden Beißerei gelang es meinem Mann, den Bulli-Griff ganz kurz zu lockern. Zeit genug, um dem anderen die Flucht zu ermöglichen, aber nicht Zeit genug, um die eigenen Finger vor den wieder zupackenden Kiefern in Sicherheit zu bringen. So musste ich ein zerquetschtes Nagelbett und (wieder einmal) eine Bisswunde auf der Hundestirn versorgen. Diese Verletzung, die unser Hund davontrug, war etwa so groß wie eine Ein-Euro-Münze und wies in der Mitte einen Hautsteg auf. Der Tierarzt wollte sie nicht nähen und entließ unseren Hund nach einer Injektion und uns ausgestattet mit zäher Salbe, die wir ihm dreimal täglich auftragen sollten, was wir auch gewissenhaft taten. Unser Hund verhielt sich in den folgenden Urlaubstagen wie immer, die Verletzung auf seiner Stirn ignorierte er völlig, das heißt, er buddelte wie immer im Sand. Es bereitete uns einige Sorgen, wenn er mit "paniertem" Kopf dasaß, aber lächeln mussten wir doch über seinen Anblick. Den verbliebenen Hautsteg schließlich riss er sich zusammen mit der neugebildeten, zarten Haut ab, als er, wie es seine Art war, voller Übermut auf einen Strauch losflitzte, um an den unteren Ästen zu zerren.

Seine Fähigkeit, auch wesentlich größere Hunde zu beeindrucken, hatte Artus des Öfteren demonstriert. Einen besonderen Stellenwert aber nimmt folgendes Erlebnis ein: seit ein paar Tagen waren wir aus der Stadtmitte heraus in einen Vorort gezogen und kannten natürlich weder alle Hunde in der Nachbarschaft noch die Gepflogenheiten ihrer Besitzer. Wir gewährten unserem Hund am frühen Morgen Auslauf auf einem großen unbebauten und mit wilden Gräsern und Sträuchern bewachsenen Grundstück, welches zwischen zwei wenig befahrenen Strassen lag. Das tat ebenso eine Dame mit ihrem Mastino Napoletano, allerdings von uns unbemerkt von der anderen Straße aus. Es war eine regelrecht gespenstische Szene, als sich vor unserem Bulli, der etwa in Grundstücksmitte herumwuselte, im Nebel der mächtige blau-graue Körper jenes Kolosses aufbaute. Sein ganzes Gehabe drückte Feindseligkeit aus - und Artus nahm die Herausforderung zu gerne an. Noch ehe das Mastino-Frauchen und ich unsere Rüden erreicht hatten, war der Kampf entschieden. Der Mastino hatte versucht, Artus zu packen, was für den sicher furchtbare Folgen gehabt hätte, wäre es dem Gegner gelungen, die ganze Kraft seiner mächtigen Kiefer einzusetzen. Der Bullterrier hatte es jedoch geschafft, sich aus dem noch nicht ganz festen Biss loszureißen und griff nun seinerseits an, indem er sich in immer schneller werdenden Kreisen dem anderen näherte, um ihm schließlich mit voller Wucht gegen die Vorderläufe zu prallen. Der Mastino knickte ein, Artus packte jene von ihm bevorzugte Stelle seitlich am Hals. Zum Glück akzeptierte er zu jener Zeit noch die Demutsgeste des Gegners und ließ los, als der graue Riese ihm diese zu erkennen gab. In der folgenden Zeit ließen die Mastino-Besitzerin und ich unsere Hunde erst immer dann auf das Grundstück, wenn wir absolut sicher waren, dass der andere nicht da war. Begegneten sich die beiden Kämpen an der Leine, legten sie erstaunliche Gleichgültigkeit an den Tag und gingen aneinander vorbei, als sei einer für den anderen Luft.

Klar erscheinen vor meinem geistigen Auge auch jene beiden Auseinandersetzungen mit Deutschen Schäferhunden. Beim ersten Mal hockte Artus friedlich auf einer Autobahn-Raststätte vor unserem Kombi und trank Wasser aus seiner Schüssel, als ihn der tankstelleneigene Hund - es ist nicht gelogen! - völlig unvermittelt und ohne vorher Schnupperkontakt gehabt zu haben, angriff. Ich hörte noch den Aufschrei zweier älterer Damen "Oh Gott, der arme kleine Hund!", als der "arme kleine Hund" auch schon seinen Gegner gepackt hatte und zu Boden zwang. Bei dem folgenden Versuch, die Kontrahenten zu trennen, erwischte der Schäferhund meine Bast-Handtasche samt daran festhaltender Hand. Die Handtasche war arg lädiert, meine Hand auch. Trotzdem gelang es mir irgendwie, die Gegner zu trennen, und bald konnten wir unsere Reise fortsetzen. Meine Handtasche wurde vom Schäferhund-Herrchen ersetzt, der dicke Bluterguss und die Wunde an meiner Hand kamen während des Urlaubs von selbst in Ordnung.

Beim zweiten Male spazierten Frauchen und Bulli durch die Felder, als es wieder ein Deutscher Schäferhund (dies soll keinesfalls ein Negativ-Bild dieser hervorragenden, leistungsstarken Rasse zeichnen!) war, der sich dem Kommando seiner Begleiter entzog und wirklich sofort angriff. Ich hatte den Schäferhund kommen sehen und Artus angeleint in der Hoffnung, dass der andere noch abzurufen wäre. Vergeblich. Als der andere uns erreichte, sich zum Absprung duckte und vorschnellte, ließ ich die Leine los. Die beiden rollten über das Feld auf eine Böschung zu, die sie im Eifer des Gefechtes gar nicht wahrnahmen und die sie nun hinabkullerten. Oben auf dem Acker hatte der Schäferhund den Bullterrier voll im Griff, als sie auf dem Feldweg unterhalb der Böschung ankamen, hatte sich das Blatt gewendet. Unnachgiebig und mit der sprichwörtlichen Hartnäckigkeit hing unser Hund an seinem Gegner. Auch dieses Mal gelang es mir, die Kämpfenden zu trennen, bevor allzu Ernstes passiert war. Allerdings trug Artus wieder mal eine tiefe Narbe davon - der andere hatte ihn über und unter dem Auge gepackt; und beim anschließenden Tierarztbesuch drang dessen Sonde ziemlich weit in den Bisskanal.

Zwei weitere Begebenheiten fallen mir ein, die trotz der Tatsache, dass es sich um Raufereien handelt, ziemlich heiter waren.

Die eine trug sich direkt in unserer Nachbarschaft zu. Dort wohnte ein Afghanen-Rüde, der Artus nicht leiden konnte und Artus nicht ihn. Eines Tages, das Afghanen-Frauchen war mit dem Hund schon fast im Hauseingang, riss sich dieser los und stürzte die vier Eingangsstufen hinunter über den Bürgersteig auf unseren Bulli zu. Sofort hatten sich die beiden gegenseitig gepackt. Die Afghanen-Besitzerin holte unwahrscheinlich schnell einen Eimer mit Wasser aus dem Haus, um es den Kontrahenten über die Körper zu gießen und zu versuchen, sie damit zu trennen. In ihrer Aufregung verfehlte sie allerdings ihr Ziel und erwischte statt dessen mich mit der vollen Ladung. Nun stand neben Bullterrier und Afghane noch ein wahrhaft begossener „Pudel“! Dieser geschilderte Kampf endete völlig harmlos. Artus hatte im Eifer des Gefechtes lediglich das Lederhalsband des anderen geschnappt und sich darin verbissen. Ich konnte den Afghanen befreien, indem ich ihm einfach das Halsband abschnallte.

Die andere Begebenheit spielte sich - wieder einmal - in den Ruhr-Wiesen ab. Herrchen, Frauchen und Hund spazierten am Flussufer entlang, als sie weit hinter sich lautes Rufen "Tassilo, Tassilo - hierher" hörten. Über die Wiesen sauste uns in vollem Galopp ein Welsh-Terrier hinterher, offensichtlich keineswegs gewillt, seinen Leuten zu gehorchen. Schnell leinte mein Mann unseren Hund an und hielt ihn ziemlich kurz, während ich versuchte, den heranrasenden Welsh zu stoppen. Vergeblich. Der wich mir geschickt aus und biss unserem Bulli voll in den Hinterschinken. Damit dieser nun nicht völlig wehrlos den gegnerischen Attacken ausgesetzt war, ließ mein Mann die Leine etwas locker, und Artus tunkte Tassilo in eine Schlammpfütze. Das brachte diesen zur Besinnung, und als er aus der Pfütze auftauchte, war seine Angriffslust verflogen. Von der schwarz-lohen Zeichnung eines Welsh-Terriers war nichts mehr zu sehen. Vor uns stand ein triefendes Etwas von schmutzig oliv-brauner Farbe. Inzwischen waren auch Tassilos Besitzer herangekommen, die ihren Hund mit den Worten "So, nun hast Du mal endlich Deinen Meister gefunden" in Empfang nahmen. Zu uns meinten sie dann: "es ist nur schade, dass wir jetzt erst wieder nach Hause müssen, um Tassilo zu baden - wir wollten eigentlich direkt nach dem Spaziergang Freunde besuchen." Lachend verabschiedeten wir uns voneinander.

So barsch Artus zu erwachsenen, größeren Artgenossen sein konnte, so umgänglich, ja gar vorsichtig, erwies er sich im Umgang mit Welpen. Es sah zu drollig aus, wenn er mit dem roten Cockerkind meiner Freundin spielte. Was machte es schon, wenn im Eifer des Gefechts bei der wilden Jagd um ein Zimmerpflanzengefäß die eine oder andere Dieffenbachie einen Nebentrieb verlor? Der ließ sich schließlich wieder als Ableger bewurzeln.

Herrlich war auch jener Abend, als wir Besuch von Bekannten erhielten, die einen Cairn-Terrier-Welpen zur Pflege hatten, von dem sie allerdings glaubten, es sei ein West-Highland-White-Terrier. Tatsächlich waren sie der Überzeugung, Westies würden, wahrscheinlich ähnlich wie Lipizzaner, dunkel geboren, um im sich Laufe der Zeit weiß zu färben. Artus wollte sich zunächst nicht in seiner Ruhe stören lassen, aber Klein-Bruno setzte ihm hartnäckig zu. Mit Schnauzenstübern und kecken, leichten Bissen in jede erreichbare Stelle, mit Zupfen an den Ohren, mit ständigem Vor- und Zurückspringen in typischer Spielhaltung versuchte der Wicht, den Bullterrierrüden aus der Reserve zu locken. Schließlich zeigte seine Animation Erfolg: unser "Alter" (er war schließlich schon über zehn Jahre) stand endlich auf. Und dann tobte das Chaos! Wir konnten nur noch die Gläser auf dem Wohnzimmertisch festhalten. Rasante Verfolgungsjagden, bei denen mal der eine, mal der andere Jäger oder Verfolgter war, wechselten ab mit wilden Kampfspielen, die von lautem Knurren und ernst aussehendem Schnappen begleitet wurden. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus; zu drollig war der Anblick der beiden ungleichen Spielpartner. Keiner wollte den Spaß beenden, aber schließlich hatten sie ausgetobt und lagen friedlich, nass von Hundespucke und überglücklich beieinander. Bruno versetzte seinen hundeunerfahrenen Pflegeeltern noch einen leichten Schock, als er sich kurz erhob, um mitten im Wohnzimmer auf dem Teppich ein Häufchen zu platzieren. Dann rollte er sich wieder neben seinem neuen Freund zusammen. Die einkehrende Ruhe währte nicht lange, nach kurzer Pause und Atemholen ging das Gerangel wieder los. Es war ein abendfüllendes Programm!

Auch mit erwachsenen Artgenossen verstand Artus herrlich zu spielen, wenn er sie sympathisch fand. Eines Tages waren wir zu Gast bei Leuten, die einen seiner Halbbrüder aus dem nächsten Wurf besaßen. Es war ein strahlender Frühlingstag wie Samt und Seide, und wir hatten gerade in angenehmer Atmosphäre auf der Terrasse in einem wohlgepflegten Garten Platz genommen. Die Bulli-Rüden verstanden sich - gar nicht so selbstverständlich - prächtig. Beide hatten nach dem ersten Schnupperkontakt Freundlichkeit bekundet, und nun begannen sie ihr Spiel und die Menschen ihr Kaffeetrinken. Als wollten die beiden uns unterhalten, präsentierten sie sich in wildem Kampfspiel. Herrlich, diese gleichstarken, prachtvollen Muskelpakete in voller Aktion zu sehen. Einer versuchte den andern in der Halsgegend zu packen, einer drängte den anderen ebenso geschickt ab, indem er mit der Schulter rempelte und mit dem knubbeligen Hinterteil keilte. Als aber Grasnarben durch die Luft flogen und schließlich auch noch eine Primel mitsamt Wurzelballen und anhaftender Erde mitten auf dem Tisch landete, wurde es der Hausfrau doch etwas zu bunt. Die Bullies wurden zu ihrem größten Leidwesen angeleint, aber nach dem Kaffeetrinken durften sie wieder miteinander herumtollen. Ein glücklicher Tag.


 
Kesser Kobold - fast vergessen
Diese Seite ist einer Hunderasse gewidmet, die gerade hier im Mutterland ihres Entstehens ziemlich in Vergessenheit geraten ist...
 
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