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Bullterrierjahre Teil II

Erheiternd war auch Artus' Verhältnis zu Vögeln. Von klein auf hatte ich ihm eingeschärft, dass die mit uns im Haushalt lebenden Kanaris absolutes "Pfui" waren und auch die Jagd auf freilebende Federbälle unerwünscht war. Einmal flatterte ihm wirklich ein junger, noch nicht ganz flügger Gartenrotschwanz direkt in den Fang. Auf mein scharfes Kommando hin spie Artus ihn tatsächlich sofort und ohne Versuch, zuzupacken, aus. Feucht, aber ansonsten unversehrt konnte der Vogel entkommen. Ein anderes Mal unternahm einer meiner Kanaris, eine uralte, schon klapprige Henne, einen Freiflug durchs Zimmer. Irgendwie verließen sie ihre Kräfte, und bei dem Versuch, auf dem High-Board zu landen, flog sie nicht darauf, sondern davor, und rutschte an den Türen entlang auf den Fußboden. Genau hier aber saß Artus. Er saß da in jener Bullterrier-eigenen Haltung, bei der der Batzen nicht ganz den Boden berührt. Die alte Henne landete genau neben ihm. Sie war offensichtlich ganz verwirrt und wohl auch etwas benommen und wusste nicht so recht wohin und was tun. Sie hüpfte am High-Board entlang, direkt unter dem Bulli-Popo durch. Mein Herz blieb fast stehen, aber ich brauchte nicht einzuschreiten. Interessiert verfolgte unser Hund, wie der Kanari auf der Seite unter ihm verschwand, um auf der anderen wieder aufzutauchen und machte keinerlei Anstalten, den orangenen Federball zu packen. Schnell ergriff ich mein Weibchen und setzte es wohlbehalten in den Käfig zurück.

Als uns eine unserer ungezählten Wanderungen über einen Bauernhof führte, trafen wir auf Hühner, die sich im Sande sonnten und badeten (so etwas gibt es tatsächlich noch!). Artus war sehr an ihnen interessiert und strebte auf sie zu. Auf unser Kommando: "Pfui, Vögelchen!" hin blickte er uns ungläubig an. So groß und "Vögelchen"? Das nahm er uns nun wohl doch nicht so ganz ab, startete aber auch keinen Versuch, ihrer habhaft zu werden.


Ja, es waren erlebnisreiche Jahre gewesen, deren Ende sich nun unerbittlich abzeichnete.

Ein zweiter Hund nun also zu diesem alten Haudegen?

Wieder einmal spielte der Zufall Schicksal. In der Tageszeitung las ich die Anzeige "Bullterrierhündin, tricolor, 2 Jahre alt, in gute Hände günstig zu verkaufen". Sollte es möglich sein, dass Artus einer Bullterrierdame Sympathien entgegenbrachte? Kurzum zum Hörer gegriffen, gefragt, ob die Bulli-Frau noch da wäre, warum sie abgegeben, wie sie gehalten würde, und was man halt noch so alles fragt. Der Besitzer erklärte uns, er müsste sich schweren Herzens von "Diana von Arizona", kurz "Dina" genannt, trennen, weil er aus beruflichen Gründen ins Ausland ginge und keine Möglichkeit sähe, die Hündin mitzunehmen. Wir vereinbarten ein Treffen an einem neutralen Ort. Die Spannung war gewaltig. Wie würden die Hunde aufeinander reagieren? Jene erste Begegnung verlief viel positiver als erwartet. Merkwürdigerweise nahm Artus kaum Notiz von der Hündin und markierte gleichgültig einen Busch. Nein, es war vielmehr diese hübsche, kräftige, dreifarbige Hündin, die unseren Veteranen "angiftete". Der blieb aber entgegen seiner sonstigen Art, Herausforderungen nur allzu gerne anzunehmen, vollkommen "cool" und ignorierte die gezeigte Unfreundlichkeit. Nun stand allerdings wieder ein Winterurlaub vor der Tür, und das Risiko, gleich beide Hunde mitzunehmen, wollten wir nicht eingehen. Außerdem wollten wir mit unserer Entscheidung nichts überstürzen. Wir einigten uns mit Dinas Herrchen, dass er uns die 14 Tage als Bedenkzeit einräumen wollte. Es hatten sich zwar noch einige Leute gemeldet, aber wir erschienen doch am geeignetsten, und da für die Hündin ein wirklich optimaler Platz gesucht wurde, gewährte man uns diese Frist. In den folgenden zwei Wochen drehten sich unsere Gespräche meist nur um ein Thema. Hin und Her und Für und Wider wurden diskutiert, und am Ende stand fest: wir versuchen es. Wieder zurückgekehrt, meldeten wir uns unverzüglich und mit bangem Herzen (war Dina nicht inzwischen doch verkauft worden?) bei ihrem Besitzer. Ja, Dina sei noch da. Ja, wir könnten sie - wie zugesagt - haben. Ja, wir könnten sie gleich am nächsten Tag haben. Am nächsten Tag kam die große Stunde. Obwohl vielleicht taktisch nicht ganz klug - wir hätten wieder einen neutralen Treffpunkt ausmachen sollen - hatten wir Dinas Besitzer zu uns gebeten, damit er auch gleich ihr neues Domizil begutachten könne. Dann war geplant, dass er sich in einem von der Hündin unbemerkten Augenblick schnell verabschieden sollte. Vorsichtshalber hatte ich zwei Maulkörbe besorgt, die wir den Hunden anlegten, bevor wir sie zusammenließen. Was geschah nun? Die beiden umkreisten sich skeptisch, dann folgte ein kurzes, heftiges Knurren und Rempeln - und dann? Dann unterwarf Dina sich! Sie unterwarf sich tatsächlich diesem uralten, schwachen, kaum mehr bemuskelten Rüden, obwohl sie ihm bei weitem an Kraft überlegen war und ihn ohne große Mühe hätte bezwingen können. Es war offensichtlich: sie wollte sich unterwerfen. Was weiter geschah, war ebenso erstaunlich. Artus, der in den letzten Jahren - das muss leider auch gesagt sein - nie auf eine Demutsgeste reagiert hatte, akzeptierte ihr Verhalten. Gleichgültig wandte er sich von ihr ab, und beide ignorierten einander. Dinas Herrchen verschwand wie geplant unauffällig und ohne großes Abschiednehmen. Kurz danach startete ich zum ersten Spaziergang mit den beiden. Friedlich, kaum Notiz voneinander nehmend, trotteten sie mit. Bei einer günstigen Gelegenheit befreite ich die Hunde von den Maulkörben - nicht ganz ohne Spannung. Es ging erstaunlich gut. Nur einmal, als Dina sich zu intensiv einer Duftstelle widmete, die auch Artus' Interesse gefunden hatte, kam Unfreundlichkeit auf. Ich reagierte schnell, indem ich die beiden ablenkte und dadurch die Situation entschärfte.

Die folgenden Wochen waren überaus glücklich und heiter.

Dina erwies sich für Artus als regelrechter Jungbrunnen, und es war ein köstlicher Anblick, wenn unser alter Knabe mit verliebtem Gesichtsausdruck dem knubbeligen schwarzen Hinterteil mit der lohfarbenen Rosette und der niedlichen weißen Schwanzspitze folgte. Es war herrlich, wenn er im Garten mit ihr spielte, so gut es sich mit alten, steifen Gelenken eben spielen lässt und sie voller Temperament und Lebenskraft um ihn herumsauste.

Es ergaben sich komische Situationen, so zum Beispiel, wenn Artus, der sich seit Jahren nicht mehr für Kauspielzeug interessiert hatte, es für nötig hielt, ausgerechnet den Büffelhautknochen für sich zu beanspruchen, den Dina gerade im Fang hatte. Irgendwie gelang es ihm auch immer, sie zu "überreden", davon abzulassen.

Eines Tages thronte die hübsche Tricolor-Hündin genüsslich im Korb des Roten, was ihn sichtlich irritierte. Er löste die Situation ganz cool, indem er seinerseits nun ihren Korb besetzte. Dinas erstaunter, geradezu ungläubiger Gesichtsausdruck ließ uns herzlich lachen.

Doch eines Tages war es so weit. Es war der 13. Mai 1984. Es war der einzige Tag in den mehr als dreizehn Jahren, in denen Artus unser Begleiter war, an dem er uns Anlass zu Traurigkeit und Trauer gab. Wie jeden Morgen rief ich nach den Hunden, um sie zum Lösen in den Garten zu lassen. Dina war bereits unten, und ich wurde schon ungeduldig, weil der rote Rüde nicht erschien. Dann kam er: ganz langsam, schwankend, vor Schwäche kaum fähig zu laufen. Er verlor etwas Kot. Ich nahm ihn in den Arm und half ihm die Treppe zum Garten hinunter. Er löste sich und kam langsam zurück. Die Treppe, die er seit Jahren zunächst hinauf- und hinabgestürmt und später -geschritten war, erschien ihm nun als unüberwindliches Hindernis. So trug ich in die Stufen hinauf, um ihn in seinen Korb zu betten. Schnell zog ich mich fertig an, nahm unseren Hund wieder auf den Arm und brachte ihn ins Auto, um mit ihm zum Tierarzt zu fahren. Der diagnostizierte eine durch den Krebs verursachte Anämie und riet mir zur Euthanasie. Ich konnte mich zu diesem Schritt so spontan nicht entschließen, auch wenn ich mich mit dem Gedanken in den letzten Wochen schon vertraut gemacht hatte. So nahm ich Artus zunächst wieder mit nach Hause und rief verzweifelt meinen Mann im Geschäft an. Zum Glück konnte der auch sofort kommen, um mir in diesen Stunden, in denen mein Herz ein schmerzender Klumpen zu sein schien und mein Magen deutlich seine Anwesenheit kundtat, zur Seite zu stehen.

Der Tod war schmerzlos, schnell und würdevoll. Er hatte nichts Beunruhigendes, Schreckliches, Erschreckendes. Bis zu seinem Ende und noch Minuten darüber hinaus lag Bulli in unseren Armen, unter unseren streichelnden Händen.

Wir waren unendlich traurig.

Es sollte nicht der einzige "Nackenschlag" bleiben, den das Schicksal in jenem Jahr für uns vorgesehen hatte.

Nach und nach veränderte sich das Wesen unserer lieben, sanften Dina. Schon zu Artus' Lebzeiten hatte ich hin und wieder Eigentümlichkeiten in ihrem Verhalten bemerkt, denen ich aber keine größere Bedeutung beigemessen hatte. Schließlich war die Hündin ja ein "Second-Hand-Dog", und viel an ihr war uns fremd. Bei Widerspenstigkeiten wurde ihr konsequent - ohne jegliche Brutalität und unnötige Härte - klargemacht, wo ihr Platz im "Rudel" sei, und sie fügte sich. Nun aber passierten Dinge, die mit "Machtproben" nichts gemein hatten. Es begann damit, dass Dina mich anknurrte, während sie einfach dasaß und ich, ohne sie eventuell aus tiefem Schlaf geweckt zu haben, an ihr vorbeiging. Ich beutelte sie heftig am Nackenfell (was bei einem Bullterrier mit seiner kräftigen Halsmuskulatur und dem straff anliegenden Fell gar nicht so einfach ist) und machte ihr durch ein energisches "Pfui ist das" klar, was ich von solchem Verhalten hielt. Sofort war sie wieder die alte. Bald aber benahm sie sich auch außerhalb des Hauses sonderbar. Sie, die sich bei Spaziergängen immer als äußerst friedfertig und umgänglich gezeigt hatte, begann, ausgesprochen unfreundlich auf wirklich alles, was sich bewegte, zu reagieren. Entsprechende Leinenrucke meinerseits zeigten nur anfangs die gewünschte Wirkung. Nach einigen Wochen aber steigerte sie sich schon beim Verlassen des Hauses derartig in Wut, dass sie regelrecht "schnarchte", wenn wir losgingen, obwohl weit und breit nichts zu bemerken war, was diese Wut hätte provozieren können. Alle Versuche, sie von dem gezeigten Verhalten abzubringen, erwiesen sich als wirkungslos. Leinenrucken und Kommandos wurden ebenso ignoriert wie versuchtes Ablenken durch Animation zum Spiel und Leckerchen. Jeder Spaziergang mit Dina wurde schwieriger. Egal, ob wir zu Fuß losgingen oder mit ihr zu unbekannten Orten fuhren, ihr Verhalten war unerklärbar aggressiv. Es wurde aber noch dramatischer: eines Tages wollte ich meinem Mann von der Hose, die er trug, ein paar Flusen in Höhe des Schienbeines entfernen. Ich griff zur Bürste und ging in die Hocke, um die Angelegenheit besser in Augenschein nehmen zu können. Irgendwie instinktiv spürte ich, wie Dina angriff. Kein bewusstes Geräusch, kein Schatten, nichts hatte mich gewarnt. Ohne Laut und blitzschnell näherte sich die Hündin von hinten in eindeutiger Absicht. Zum Glück war ich schneller! Es war wirklich mein Instinkt, der sich mich zur Seite werfen und den Bullterrier ins Leere schnellen ließ. Dina drehte sich um, die Augäpfel waren, wie das ja bei Bullis so ist, vor Erregung gerötet. Wieder ging sie mich an, wieder war ich schneller. Es gelang mir, sie mit beiden Händen rechts und links am Halsband zu erwischen und noch im Sprung zu Boden zu zwingen. Mit der rechten Hand hatte ich zusätzlich noch - es ist ebenfalls nur mit Instinkt zu erklären - jene Stelle am Hals gepackt, an der auch Hunde ihre Gegner zu packen pflegen. Ich drückte sie nieder und brüllte ihren Namen. Nach mir endlos erscheinenden Momenten, in denen ich mich nur auf den Hund konzentrierte - was mein Mann getan hat, weiß ich nicht - die ganze Welt bestand für mich nur noch aus Hund und Dielenboden, war es, als erwache die Hündin aus einem bösen Traum. Die Muskulatur entspannte sich, sie blinzelte ein paar Mal, die Farbe der Augäpfel normalisierte sich, die blanke Wut wich aus ihrem Blick. Irritiert schaute sie mich an. Ich wagte es, meinen Griff zu lockern und sie aufstehen zu lassen. Etwas verlegen begann Dina, zu wedeln. Von einem auf den anderen Augenblick zeigte sie sich wieder vollkommen normal.
Nach diesem Vorfall "rotierte" ich. Ich suchte Erklärungen, Rat und Hilfe bei verschiedenen Tierärzten und einer ganzen Reihe von Bullterrier-kompetenten Leuten. Ich suchte den Fehler in meinem und meines Mannes Verhalten, in unserer Erziehung. Quintessenz aller Gespräche: ich solle die Hündin einschläfern lassen. Wahrscheinlich leide sie an einem Hirntumor. Zu diesem Schritt konnte ich mich aber noch nicht entschließen, und Dinas Verhalten zu Hause war absolut unauffällig. Das wütende Schnarchen draußen blieb jedoch.
Am Sonntag nach dem geschilderten Vorfall unternahmen wir mit ihr wieder einmal eine größere Wanderung, die sich zu einem regelrechten Horrortrip entwickeln sollte. Es ging schon nach wenigen Schritten los. Glücklicherweise hatte ich die Hündin noch nicht abgeleint, als uns ein junges Ehepaar begegnete, das sich in keiner Weise irgendwie auffällig oder verdächtig verhielt und auch nicht den geringsten Anlass zu hundlichem Misstrauen gab. Unvermittelt und voller Wut wollte Dina die junge (hochschwangere!) Frau angreifen. Sofort hatte ich ihre Absicht erkannt und riss sie mit einem heftigen Leinenruck und einem ebenso heftigen "Pfui" zurück. Dina schien zur Vernunft zu kommen und zeigte keinerlei Feindseligkeiten mehr. Die junge Frau hatte den Ernst dieses Vorfalles gottlob nicht erfasst. Sie akzeptierte sofort unsere Entschuldigung und war der Meinung, die Hündin sei einfach nur übermütig. Wir setzten unseren Weg fort, als uns kurz darauf Leute mit einem Boxerwelpen begegneten. Dieses Mal wollte sich Dina ohne Warnung auf das Hundekind stürzen (sie hatte früher Welpen gegenüber immer große Toleranz und Gleichmut gezeigt). Wieder verhütete mein energischer Leinenruck Schlimmes. Als wir weitergingen, schnarchte die Hündin in der bekannten Weise vor Wut, aber nach ein paar Ablenkungsmanövern meinerseits mit einigen leichten Unterordnungsübungen "fing" sie sich auch dieses Mal. Als nächstes begegnete uns ein einzelner Spaziergänger; auch er zeigte keinerlei absonderliches, für einen Hund eventuell provokatives Verhalten, sondern ging ruhig und gelassen seines Weges. Genauso ruhig und gelassen schritt Dina neben uns (ich hatte sie sicherheitshalber angeleint, da ich nach dem gezeigten Verhalten kein Risiko mehr eingehen wollte). Kaum waren wir aber mit dem Spaziergänger in einer Höhe, schnellte die Hündin gleichzeitig hoch und zur Seite und versuchte, diesen zu beißen. Auch hier war ich schneller, und ihre kräftigen Kiefer klappten ins Leere.
Ziemlich genervt kamen wir zum Auto zurück, und selbst die Tatsache, dass uns ein Pferd mit Sattel und Zaumzeug, aber ohne Reiterin "zulief" (die hatte es im Wald abgesetzt) konnte uns nicht erheitern. An diesem Vorfall hätten wir unter normalen Voraussetzungen großen Spaß gehabt: es war aber auch zu drollig, wie das junge Mädchen, das so unsanft und unfreiwillig Kontakt mit dem Erdboden hatte, auf unser Rufen hin atemlos, gut durchblutet im Gesicht, aber erleichtert und überglücklich aus dem Wald auftauchte, um sein Pferd wieder in Empfang zu nehmen.

Am nächsten Tag führte ich erneut zahllose, klärende Gespräche mit allen möglichen kompetenten Leuten, wieder erhielt ich nur eine Antwort. Nach einer langen, einfühlsamen Unterredung mit unserer Tierärztin, die besonders tierliebend ist und sicher kein Lebewesen einschläfert, dem noch irgendwie zu helfen ist (wie viele alte Hunde, die ihren Besitzern lästig geworden sind, hat sie bei sich behalten und doch noch weitervermitteln können, wie vielen verletzten herrenlosen Katzen, für die kein Besitzer die Behandlungskosten übernimmt, hat sie uneigennützig geholfen, wie vielen verunglückten Wildtieren und Wildvögeln das Leben gerettet?) fassten wir den so unsagbar schweren Entschluss - Dina wurde eingeschläfert. Auch sie starb in meinen Armen. Doch wie sinnlos erschien mir ihr Ende. So schmerzlich Artus' Tod auch gewesen war, war er doch das naturgegebene, logische Ende eines relativ langen, erfüllten Lebens. Aber diese kraftstrotzende, glänzende, schöne, vitale Hündin mit 2 1/2 Jahren sterben sehen zu müssen, packte mich doch sehr. Wieder einmal - nach viel zu kurzer Zeit - herrschte Hundetrauer in unserem Hause. Dieses Mal war es schlimmer als nach Artus' Ende, denn da gab es keinen Vierbeiner mehr, der sich freute, wenn wir nach Hause kamen, keinen, der auf seinen täglichen Ausgang bestand, der gefüttert werden wollte, der seine Streicheleinheiten und sein Spielchen verlangte. Obwohl zunächst einmal Korb, Näpfe und Leinen weggeräumt wurden, erinnerte alles an Freund Hund. Auf Schritt und Tritt glaubten wir das Tappen von Pfoten zu hören. Jeden Augenblick erwarteten wir das Auftauchen eines Bullikopfes hinter der Tür, den Anblick eines ruhenden Körpers auf dem Teppich. Irgendwie war es nicht mehr unser Haus. Da wieder einmal die Urlaubszeit vor der Tür stand, beschlossen mein Mann und ich, nach Skandinavien zu fahren und uns erst im Anschluss daran um einen neuen Hausgenossen zu bemühen. Ich hielt mich an diesen Beschluss, aber nach drei (waren es wirklich erst drei?) Tagen ohne schweifwedelndes Begrüßungszeremoniell fragte mein Mann: "Hast Du eigentlich schon mal die Fühler nach einem neuen Hund ausgestreckt?" und auf meine Antwort, wir hätten doch verabredet, damit bis nach unserem Urlaub in Skandinavien zu warten, kam der lapidare Satz: "Wir fahren wieder nach Frankreich - mit Hund! Ich halte es so nicht mehr aus." So, ein neuer Hund, selbstverständlich ein neuer Bullterrier, sollte also her, und das auch noch gleich! Und dann noch gleich mit in Urlaub! Und dann noch aus einer kleinen, familiären Zucht! Und dann auch noch farbig! Und dann auch noch ein Junge! Hm!. Das also waren die gewünschten Kriterien. Besonders auf die kleine, familiäre Zucht legten wir großen Wert, denn ein Hund von einem "Vermehrer" - nein danke. Na ja, und dann farbig. Also, ich hätte liebend gern einen Weißen genommen, weil ich meine, dass bei jenen das herrliche Muskelspiel unbestritten noch besser zu bewundern ist... aber mein Mann... Na ja, also farbig.
Wieder begann ich zu "rotieren". Alle Kontakte wurden ins Spiel gebracht - wie zu erwarten, natürlich zunächst ohne Erfolg. Wo gibt es schon den gewünschten Hund auf Abruf? Bei einem Züchter erreichte ich dessen Ehefrau, die mir - wörtlich! - sagte, sie wüsste nicht genau, was "noch da wäre". Na dann. Lieber nicht weiter bemühen. Schließlich hatte ich meinen Mann soweit, dass er bereit war, sich wenigstens einen Weißen anzusehen, der irgendwo ein wenig Schwarz hätte. Little Kings Ronald stand zum Verkauf, und beinahe wären wir hingefahren, und wenn wir hingefahren wären, hätten wir ihn sicher auch genommen - doch nun überschlugen sich die Ereignisse: es wurden uns zwei ganz dunkelgestromte Hundebengel (wieder einmal in Bielefeld) angeboten, und dann bekamen wir Kunde von ihm: Elliot von der Immerheide. Rot mit weißen Abzeichen.
Anruf beim Züchter.
Nur an Kenner abzugeben.
Na klar, wir hatten mehr als 13 Jahre lang einen sehr familienbezogenen Rüden (das Desaster mit Dina verschwiegen wir zunächst).
So? Welchen denn?
Artus vom Leinenweber!
Was, Artus vom Leinenweber?
Ja!
Das gibt's ja nicht - ich hatte Astrid vom Leinenweber! (seine gestromte Wurfschwester also).
Als sich im weiteren Gespräch herausstellte, dass Astrid mit Klein-Elliot (sie war seine Ur-ur-ur-Großmutter) und der damit irgendwie mit unserem unvergessenen Artus verwandt war, stand schon ziemlich fest, wie unser "Neuer" heißen würde. Also, noch am gleichen Abend hinfahren und ansehen.
Die Tür wurde geöffnet, und da kam er. Schlappohrig wuselte er an der Fußleiste entlang. Selbstverständlich eroberte er uns sofort - die Vorschusslorbeeren seiner Abstammung wären gar nicht notwendig gewesen. Er war sehr kräftig und unwahrscheinlich lustig gezeichnet. Eine breite Blässe verzierte sein Gesicht, das Schwarz des Nasenspiegels verlief über dessen Rand hinaus, als ob er in Farbe getunkt worden wäre. Ein streichholzkopfgroßes schwarzes Pünktchen verstärkte den Eindruck der Farbkleckserei. Es ist nicht gelogen, dass uns einmal ein Kind fragte, ob wir ihn selbst angemalt hätten! Im Laufe des Gespräches mit dem netten Züchterehepaar aber legte Elliot eine Verhaltensweise an den Tag, die mich ein wenig auf Distanz brachte. Er war schlichtweg hemmungslos. Hemmungslos tobte er auf dem Sofa herum, hemmungslos kläffte er die erwachsenen Bullterrier, die außerhalb des Wohnbereichs lebten und uns gezeigt wurden, an und ging auf sie los, um die erbarmungslos zu zwacken. Ebenso hemmungslos schlief er anschließend eine kurze Zeit, um danach wieder voll aufzudrehen. Mein Mann fand das alles sehr putzig, aber bei mir gewann die Zurückhaltung Oberhand. Sehr gut konnte ich mir vorstellen, wie viel Geduld, Kraft und auch Nerven es kosten würde, aus diesem quirligen Temperamentsbündel einen angenehmen Hausgenossen zu machen - falls es je gelänge. Als ich dann Klein-Elliot noch näher in Augenschein nahm und einen sogenannten "Kreuzbiss", d.h. eine Zahnanomalie, die sich in den meisten Fällen zum Vorbiss auswächst, feststellte, beschloss ich, ihn jedenfalls an diesem Abend noch nicht mitzunehmen, zumal der Züchter trotz der Gebissfehlstellung auf die volle Kaufsumme bestand. (Dieser "Kreuzbiss" wuchs sich hinterher tatsächlich zu einem kräftigen Vorbiss aus und ließ Elliot auf Ausstellungen keine Chance, obwohl er ansonsten wirklich typvoll wurde und sicher, so einhellige Meinung der Richter, "ganz vorne mitgelaufen wäre". So kam er über ein "sehr gut" leider nicht hinaus. Ironie des Schicksals am Rande: Gleich bei der ersten Ausstellung - der Bundessiegerzuchtschau 1985 - stand Little Kings Ronald mit uns im Ring - Elliot wurde aufgrund des Zahnfehlers abgewertet, Little Kings Ronald wurde "Klassenbester"!)

Also fuhren wir ohne Hund los. Im Auto begann mein Mann zu quengeln. Der Kleine war ja so süß, und er war ja so hübsch, er war ja viel schöner von der Zeichnung als so dunkel-gestromte (wie die Bielefelder Knaben). Ich spürte, dass erstens meine logischen Einwände abprallen würden, und zweitens, dass ich wider alle Vernunft rettungslos mein Herz an diesen "Temperamentbolzen" verloren hatte. Also beschlossen mein Mann und ich, umzukehren und ihn zu holen. Der Züchter war noch mit Elliot und dessen Mutter vor dem Haus, wo die Tiere ihr "Nachtgebet" verrichteten. Er war erstaunt, dass wir zurückkamen und fragte: "Haben Sie Ihre Handtasche vergessen?", und ich antwortete lapidar: "Nein, den Hund." Ein heiteres Lächeln folgte, und wir wurden noch einmal ins Haus gebeten. Die anschließenden Formalitäten waren schnell erledigt, aber die folgende "Hundelei" dauerte bis spät in die Nacht. Erst gegen halb drei Uhr morgens kamen die Trosbachs mit einem zufrieden schlafenden Bulli-Knaben auf dem Schoss nach Hause. Kaum im neuen Domizil angekommen, wurde er jedoch wieder putzmunter, und Klein-Elliot ging auf Erkundungstour, um dann zum ersten seiner berühmt-berüchtigten "Rodeos" zu starten, d.h., er sauste wie ein Derwisch durch die volle Länge zweier durch einen Durchbruch miteinander verbundene Zimmer, um mit voller Wucht auf der einen Seite gegen das Sideboard zu prallen, zu wenden, und auf der anderen Seite mit Schwung sein Hinterteil über das Sofa zu werfen. Das Ganze spielte sich mit Wahnsinnsgeschwindigkeit sich so 4 - 8 mal hintereinander ab - und jedes Mal hofften wir erneut, dass auch dieses Mal das Sideboard seinen 30 kg standhalten würde und er nicht durch die Türen krachte, um im Geschirr zu landen).

In den ersten Wochen, in denen Elliot bei uns war, veranstaltete er auch ähnliche Rodeos unter unseren Ehebetten. Gingen wir ins Schlafzimmer, flitzte er zum "Gute-Nacht-Toberchen" unter unsere Betten, um dort mit dem schon geschilderten Tempo herumzusausen und (meistens für seine Verhältnisse recht vorsichtig) in die provozierend hin- und herzuckenden Hände und Füße zu knipsen.

Es folgten herrliche Wochen, und wir genossen bewusst Elliots Welpen- und Junghundstadium - viel zu schnell geht diese Zeit vorbei. Wie geplant nahmen wir ihn mit nach Frankreich in Urlaub, und dieses Unterfangen erwies sich als wesentlich leichter und unkomplizierter, als wir angenommen hatten. Während der Fahrt, die wir natürlich durch häufige Pausen unterbrachen, in denen unser Bulli "geschäftig" werden konnte und anschließend reichlich Gelegenheit zum Spiel bekam, in denen er zur gewohnten Zeit leichte Mahlzeiten und Wasser erhielt, verhielt er sich ausgesprochen brav. Am Urlaubsort angekommen, bereitete er uns sehr viel Freude. Wir waren mit einem Faltcaravan unterwegs, und es ergaben sich viele lustige Situationen, so beispielsweise, als Elliot von innen unter dem Vorzelt "hertauchte", um zu sehen, wo wir steckten, und dabei die Zeltheringe herauszog. Lässig hockte er da mit der Zeltwand über den Schultern. Er bekam Spaß an unserem knallroten Gummiboot und genoss es, wenn wir ihn darin quer über den Campingplatz (zum Amusement der Mitcamper) zum nahegelegenen Binnensee schleppten und dort zu Wasser ließen. Wir mussten allerdings sein Interesse an den Plastikstöpseln, die er neugierig herausziehen oder abkauen wollte, stark bremsen. Auch im nächsten Jahr wollte er gerne auf diese Weise getragen werden und konnte erst gar nicht begreifen, warum er - nun ausgewachsen - dafür "etwas" zu schwer sein sollte. Ein paar Jahre später trug er mit seiner Begeisterung für Boote einmal sehr zur Erheiterung der Badegäste bei. Wir hatten ein neues angeschafft, wieder ein einfaches "Gummiding", das leider allerdings wesentlich instabiler war als das alte, was wir bei der geplanten Jungfernfahrt noch nicht wussten. So war denn das Boot zu Wasser gelassen, und ich saß mit unserer Zwergschnauzerdame (davon später noch mehr) auf dem Schoss, Bulli zwischen den Knien, darin. In bewährter erprobter Manier wollte mein Mann zusteigen, als das Boot kenterte. Dummerweise hielt ich die Leine der Hündin fest und zog das arme Tierchen dadurch unter Wasser. Als wir prustend wieder auftauchten, hatte Elliot das kieloben treibende Boot erklommen und thronte stolz darauf.
Mit dem nassen Element hatten wir in gleich in den ersten Ferientagen vertraut gemacht, und er liebte es zu "planschen", indem er bis zur Brust im Wasser stand und mit der Vorderpfote herumtappte. (Er liebt diese Wasserspiele in der gleichen Form noch immer). Eines Tages hatte er am Ufer einen faulen Fisch entdeckt und sich damit, seiner Meinung nach, herrlich parfümiert. Natürlich konnten wir seine Begeisterung nicht ganz teilen, und das erste Bad im Bulli-Leben war fällig. Wir stellten ihn in die vorhandene Waschrinne und drehten vier Wasserkräne gleichzeitig auf. Vor lauter Interesse und Probieren, aus welchem Kran das Wässerchen wohl am besten schmeckte, bemerkte er gar nicht, wie wir ihn shampoonierten und wuschen. Obwohl er nie ein so hervorragender, ausdauernder Schwimmer wie Artus wurde, entwickelte auch er eine große Begeisterung für Wasser und Kräne. So stellte er sich lange Zeit vor dem Waschbecken auf die Hinterläufe, um direkt vom Strahl zu trinken, und er kletterte auch schon mal mit in die Badewanne, während mein Mann darin duschte. Er lernte vom Kränchen am Wasserkanister zu trinken ebenso wie direkt aus einer eigens für ihn mit zum Strand genommenen Plastikflasche.
Als er allerdings eines Tages an einem äußerst stürmischen Tag am Atlantik Gischtflocken jagte, blieb uns fast das Herz stehen. Bei dem Versuch, diese flüchtigen Gesellen zu erhaschen, entfernte er sich immer weiter von uns, viel zu weit, um gegen den Sturm unser Rufen zu hören. Sorglos in sein Spiel vertieft, verfolgte er eifrig die weißen, flauschigen Bälle und kam dabei oft dem tosenden Wasser bedrohlich nahe. Er war so winzig klein und das Meer so mächtig und riesengroß. Wir waren überglücklich, als er schließlich seine Jagd aufgab und mit wehenden, damals noch viel zu großen Ohren, zurückkam.

Eines Tages entdeckte er das erste Surfbrett seines Lebens. Dieses merkwürdige Gebilde, das da über das Wasser auf ihn zukam, weckte natürlich sofort sein Interesse, und munter paddelte er darauf zu. So groß war seine Neugier, dass ihn auch energischstes Rufen nicht zurückbrachte. Der Surfer amüsierte sich über unseren Hund und sagte: "Warten Sie, das gewöhne ich ihm schon ab". Dann ließ er sein Segel zu Wasser und deckte unseren Hund ganz damit zu. Wer aber nun meint, der wäre damit zu beeindrucken gewesen, liegt falsch. Putzmunter tauchte Elliot unter der Leinwand her und setzte unbeirrt seinen Weg in Richtung Surfbrett fort, um es geschickt zu erklimmen. Der junge Mann, zum Glück wohl ein Hundefreund, landete mitsamt unserem Hund, der mit fröhlichem Gesichtsausdruck auf dem Brett saß.

Eines Nachts in jenem ersten gemeinsamen Urlaub - es war ziemlich kühl - war Elliot verschwunden. Man muss sich unseren Faltcaravan so vorstellen: links und rechts ein Doppelbett, in der Mitte ein Gang mit Tischchen und Sitzbank. In dem einen Doppelbett schliefen mein Mann und ich, in dem anderen befand sich unser Gepäck, im Gang schlief unser Hund - normalerweise - auf seiner Decke. Nun aber war kein Elliot da. Hinaus konnte er nicht gelangt sein. Wo steckte also unser kleiner Derwisch? Es war ein wirklich komischer Anblick, als er auf unser Rufen hin verschlafen hinter einer Reisetasche, die zu jener Zeit noch größer war als er, auftauchte. Er war also auf der Suche nach einem wärmeren Lager einfach hinauf in das freie Bett geklettert und hatte es sich dort gemütlich gemacht. Ein wirklich findiges Kerlchen!

Während dieser Reise machte Elliot auch erste Erfahrungen mit den rückwärtigen Lautsprechern des Autoradios. Er fand es hochinteressant, dass dort von zwei Seiten die unterschiedlichsten Töne hervordrangen, und hüpfte auf der Rückbank von einem zum anderen Lautsprecher, um diese zu untersuchen. Ziemlich energisch mussten wir ihm klarmachen, dass sich Hunde im Auto ruhig zu verhalten haben. Später, als wir unser Wohnmobil angeschafft hatten und er seinen Platz - angegurtet natürlich - in einem zwischen Fahrer- und Beifahrersitz befestigten Korb hatte, versuchte er beim ersten Mal, die Scheibenwischer - die zudem manchmal quietschten - zu fangen, indem er hin- und herflippte. Auch das gewöhnten wir ihm schnell ab.

Als wir aus diesem ersten Urlaub zurückkehrten, wollte Elliot nachts, zur Zubettgeh-Zeit, in bekannter Weise wieder unter die Betten sausen. Vehement stürmte er ins Schlafzimmer, duckte sich - und klemmte mit dem Widerrist fest. Wir hatten ihn ja auch nach allen Regeln der Welpenaufzucht gefüttert, und er war ordentlich in Höhe und Breite gewachsen. Mit ziemlich verdattertem Gesichtsausdruck kam er hervor, um erneut Anlauf zu nehmen. Heftig rammte er unsere Betten, aber auch mit Gewalt passte er nicht mehr darunter. Sichtlich nachdenklich betrachtete er die Sache, um schließlich mit einem resignierenden Seufzer aufzugeben. Später, zwar ganz selten, aber immerhin - in Zeiten allergrößten, absolut nicht mehr zu bändigenden Übermutes veranstaltete er auch schon mal ein Rodeo in den Betten, was wir ihm vor lauter Lachen nicht einmal verbieten konnten. Ansonsten ist dieser Ort für ihn tabu, es war auch kein Problem, ihm dieses von Anfang an klar zu machen. Sein Platz war von klein an der Korb vor dem Bett. So war er nachts nicht einsam und brauchte nicht zu jammern. Wurde er unruhig, streckte ich meine Hand nach ihm aus und überließ ihm ab und zu einen Zipfel meiner Bettdecke. Meistens "muckelte" er dann zufrieden weiter. Wollte er sich gar nicht beruhigen, hielt ihn ein dringendes Bedürfnis vom Schlafen ab, und ich ging rasch mit ihm hinaus. Elliot erledigte alles unverzüglich - auch bei stärkstem Regen - und kehrte flott zurück. Nach diesen kurzen - sehr selten vorkommenden - Unterbrechungen konnten wir alle unsere Nachtruhe fortsetzen. Als er älter wurde und dem Welpenalter entwuchs, platzierten wir seinen Korb vor der Schlafzimmertür auf der Diele. Dieser Umzug wurde anstandslos akzeptiert. Allerdings besucht eer uns manchmal in den frühen Morgenstunden, legte seinen Kopf auf die Bettkante und fixierte uns, bis wir erwachten. Nachdem er seine Streicheleinheiten bekommen hatte, trollte er sich zufrieden. Allerdings - auch hier packte ihn  manchmal der Übermut. Dann schob er sich mit der gesamten mächtigen Brust in die "Tabuzone", um sich schließlich geschickt über die Seite auf den Rücken ins Bett zu rollen. Er? im Bett? niemals! Es gehörte aber zu diesem Spiel, dass er die "Tabuzone" nach sofortiger Aufforderung verließ.

Elliot hatte  - im Gegensatz zu Artus - niemals die Angewohnheit, nachts umherzutappen. Er verhielt sich immer ausgesprochen ruhig. Mit untrüglicher Sicherheit vermochte er aber verdächtige Geräusche von harmlosen zu unterscheiden. War wirklich etwas los, saß er - gespannt wie eine Sprungfeder und bereit, sofort loszusprinten - in "Hab-Acht-Stellung" im Korb. Wir haben ein paar mal erlebt, wie er - im wahrsten Sinne des Wortes - wutschnaubend die Treppe hinunterstürmte, dass Rückenfell von vorne bis hinten gesträubt. So lieb und freundlich er tagsüber zu Besuchern war - ich glaube, ein ungebetener Gast hätte überaus schlechte Karten gehabt. Überhaupt - sein gesträubtes Fell, seine "Bürste". Da gab es lustigerweise zwei Formen: einmal die beschriebene "Wutbürste", bei der die Haare zwischen den Schulterblättern steiler stehen als auf der Kruppe, wo sie in einer Spitze ausliefen, und dann noch seine von uns so genannte "Softy-Bürste". Hierbei standen die Haare von vorne bis hinten gleich hoch und endeten nicht in einer Spitze, sondern ganz rund über dem Rutenansatz. Diese Form zeigte er im Stadium äußersten Wohlbefindens und großer freudiger Erregung; sie erheiterte uns immer wieder.

Wie also geschildert, war Elliot ein ruhiger Schläfer. Um so mehr verwunderte es mich in der ersten Nacht unseres ersten gemeinsamen Winterurlaubs, dass unser Hund keine Ruhe fand. Wir hatten seine Decke neben den langen Fenstervorhängen an der Heizung deponiert - ein wahrhaft kuscheliger Platz (meinten wir). Brav legte unser Freund sich nieder, als wir schlafen gingen. Kurze Zeit später stand er vor meinem Bett und schniefte sorgenvoll. Leise, um meinen Mann nicht zu stören, stand ich auf und wies ihn wieder auf seine Decke. Wieder legte Elliot sich hin, wieder stand er ein paar Minuten später vor meinem Bett. Dieses Spiel wiederholte sich, bis ich schließlich die Geduld verlor. Ich ließ einen großen Zipfel meiner Bettdecke herab und streichelte unseren Hund, der sich nun unter diesem Zipfel zusammenrollte. Fast die ganze Nacht beließ ich meine Hand auf seinem Rücken. Mir schlief zwar ab und zu der Arm ein, aber wir hatten wenigstens alle unsere Ruhe. Am nächsten Morgen unterhielten mein Mann und ich uns gerade über die mögliche Ursache der nächtlichen Störung, als dieser die Vorhänge zur Seite schob - und die Erklärung fand. Die Balkontür hatte nicht ganz geschlossen, und durch den Spalt war natürlich die wirklich eisige Nachtluft gezogen - direkt in Richtung Hundedecke. Kein Wunder also, dass es Elliot ungemütlich wurde und er nicht schlafen konnte. In der nächsten Nacht achteten wir sorgfältig darauf, dass die Tür richtig zu war, wir legten die Decke etwas anders - und schon hatten wir wieder unseren gewohnt ruhigen Hund. Kleine Ursache, große Wirkung.

Wie immer - die Zeit verging, und aus dem Welpen und Junghund wurde ein stattlicher 30-Kilo-Rüde mit unwahrscheinlich freundlichem Wesen. Seine Grundeinstellung war "lieb". Besonders deutlich wurde dies, wenn Elliot aus einer Narkose erwachte. Während manche Hunde in der Aufwachphase mit äußerster Vorsicht zu genießen sind und in diesem Stadium auch schon mal zuschnappen können, spielte sich dieser Vorgang bei Elliot wie folgt ab. Sowie er die ersten Anzeichen des Aufwachens zeigte, sprach ich ihn an: Na, Männlein, bist Du wieder da? Seine Rute wedelte krampfhaft, und er bemühte sich, den Kopf in meine Richtung zu wenden. Seine Augen verfolgten mich freundlich, und er schien überaus glücklich zu sein, dass er "wieder da war". Da er zu einem relativ starken Temperaturabfall neigte, bereitete ich schon vor dem Tierarztbesuch sein Lager. Vor die Heizung legte ich einen kleinen Teppich, darauf kam ein dickes Schaumstoffpolster, darüber ausgebreitet eine warme Decke. Hatte ich den schlummernden "Kartoffelsack" (im völlig schlaffen Zustand der Narkose scheint der doppelt soviel zu wiegen) bei der Rückkehr auf dieses Lager geschleppt und auf die Seite gelegt, deckte ich ihn sorgfältig soweit wie möglich zu, natürlich ohne in irgendeiner Weise die freie Atmung zu behindern.
Was ich nun schildere, ist meine übliche Fürsorge während der Aufwachphase bei all meinen Schützlingen:
Ich achtete darauf, dass der Kopf leicht über das Polster herabhängt und ziehe die Zunge nach vorne. Während der ganzen Zeit des Nachschlafes kontrolliere ich den Patienten regelmäßig und fühlte mit der Hand, ob er abkühlt. Auch wenn er in dieser Phase noch nichts spürt, streichele ich ihn liebevoll.
Bei Elliot (und nicht nur bei ihm) kam es dann nach einiger Zeit zu dem zuvor geschilderten Aufwachzeremoniell mit Schwanzwedeln. Nach einer längeren Zeit erfolg der immer wieder rührend anzusehende erste Versuch, aufzustehen. Bei Elliot endete er damit, dass er zunächst einmal aufgab. Gelang es ihm schließlich dann doch irgendwann, stand er wackelig da und unternahm erste, unbeholfene Schritte. Natürlich bin ich auch hier ständig bei meinem Patienten und gebe ihm das Gefühl der Geborgenheit. Wenn er dann einigermaßen sicher steht und läuft, geht es ab in den Garten. Zu Elliots Zeit gelangten wir ja – wie schon geschildert -, durch einen ausgebauten Keller und mussten zunächst eine Treppe hinunter. Hierbei habe ich ihm selbstverständlich geholfen und sicherte ihn gut, damit der nicht hinunterfallen konnte. Dann gelangten wir in einen kleinen Vorflur, wo es eine winzige Stufe in den eigentlichen Souterrain-Raum, der in den Garten führte, hinabging. Diese wirklich lächerliche Stufe erschien Elliot dann als unüberwindlicher Abgrund. Mit gesenktem Kopf stand er nachdenklich davor (obwohl er ja vorher eine ganze Treppe hinuntergelangt war) und konnte sich einfach nicht überwinden, diesen kleinen Schritt zu tun. Abwägend pendelte der Kopf hin und her, und brachte es schon fertig, zu resignieren und zu versuchen, ohne Gartenbesuch umzukehren. Natürlich "überredete" ich ihn dann mit sanftem Zwang und Hilfestellung doch zu diesem Schritt - und erstaunlicher Weise stellten dann die paar richtigen Stufen, die ihn endgültig in die Wiese führten, kein Problem mehr dar. Ach - wo ich schon seine Narkoseerwachen schildere, sollte ich auch sein Narkoseeinschlafen schildern. Er kam in der Praxis der von ihm sehr geliebten Tierärztin auf den Tisch. Das Narkotikum wurde injiziert, und dann passierte eine Weile gar nichts. Elliot stand auf dem Tisch und wusste nicht so recht, was er da soll. Auf einmal wurde ihm so merkwürdig, er spürte, wie ihn seine ganze gewaltige Kraft verließ und er begann, leicht zu schwanken. Natürlich hielten und stützten wir ihn. Es widerstrebte ihm sichtlich, umzusinken, und er stemmte seine Stirn auf den Behandlungstisch. Sein unwilliges Schnaufen verrit, dass es für ihn schier unfassbar war, was hier geschah. Schließlich, nach einigen endlos erscheinenden Sekunden, rutschten seine Vorderläufe gleichzeitig seitlich und nach vorne weg, dann knickten die Hinterläufe ein. Nun entspannte sich der Körper und wurde schlaff. Die diese Prozedur erforderlich machende Behandlung (meistens das Entfernen von Zahnstein) konnte beginnen. Nur einmal bisher durfte ich bei einer Operation nicht dabei sein. Elliot hatte die Angewohnheit, Gegenstände zu fressen, die dazu absolut nicht geeignet sind. So bekam er es schon fertig, in einem unbewachten Augenblick eine komplette, zwei Meter lange Lederleine samt zwei Bolzenhaken, einer Schnalle und drei Ringen aufzufuttern. Diese kam dann in Einzelteilen und zum Glück samt der Metallteile im Verlauf einer Woche wieder durch den vorderen Bulli-Teil zum Vorschein. Ähnlich erging es einem großen gelben Plastik-Quietsch-Igel. Den hatte ich Elliot gerade neu mitgebracht und freute mich, dass ihm dieses Spielzeug so großes Vergnügen bereitete, als das Telefon klingelte. Ich ging in die Diele, um den Anruf entgegenzunehmen, "quatschte" ein Weilchen und amüsierte mich mit meinem Gesprächspartner über das hin und wieder zu vernehmende Gequietsche im Hintergrund. Ich muss zugeben, dass mir über dieses Gespräch aber nicht weiter auffiel, dass irgendwann kein Laut mehr aus dem Wohnzimmer drang. Als ich aufgelegt hatte und mit unserem Hund weiterspielen wollte, war von dem Igel keine Spur mehr zu entdecken. Ich suchte überall - unter den Sofas, in allen Ecken, unter der Blumenwanne. Kein Spielzeug mehr da! Dass er es wirklich gefressen hatte, wollte ich zunächst nicht glauben, aber als am Abend das erste gelbe Plastikteil ausgewürgt wurde, war mir das Verschwinden dann sonnenklar. Mein Schreck war gewaltig, und alles, was ich über Darmverschluss wusste und gelesen hatte, stand plastisch vor meinen Augen. In der folgenden Zeit beobachtete ich Elliot sorgfältig. Alle paar Tage erschien wieder ein größeres Stück Plastik durch den "Vorderausgang", kleinere Stücke leuchteten gelb aus seinen "Würstchen" hervor. Elliot hatte unwahrscheinliches Glück, dass alles so glimpflich abging. Das letzte Igelteil erbrach er nach - sage und schreibe - neun! Monaten. Es war nicht mehr gelb, sondern dunkelbraun und bakelitartig hart. Es ziert heute meine "Raritätensammlung". Überhaupt war Elliot nicht richtig in der Lage, einfach nur zu spielen. Der Beutetrieb, Anlass für "normale Hunde", zu spielen, etwas zu haschen, zu bringen, war bei ihm offensichtlich so ausgeprägt, dass er immer versuchte, seine Spielsachen zu fressen. Da wurden Tennisbälle "skalpiert", da wurden Vollgummibälle zerbissen, um stückweise verschluckt zu werden. Handfeger und Besen wurden zerrissen, aber nicht gefuttert; sie waren ihm wohl zu borstig und unangenehm. Büffelhaut-Kauknochen, die er natürlich nicht zum Spielen, sondern zur Beschäftigung und zur Zahnpflege erhielt, kaute er soweit weich, bis er ein riesiges Stück davon ganz hinab schlingen konnte. Dabei passierte es des Öfteren, dass sich dieses Stück in seinem Schlund festklemmte. Wir schränkten darauf hin die Kauknochengaben ziemlich ein, aber ganz wollten wir doch nicht darauf verzichten. Inzwischen hatte ich Routine darin, mit meiner Hand tief in den Hundeschlund hinabzutauchen und den Fremdkörper zu entfernen, aber beim ersten Mal wurde ich doch hektisch. Elliot stand im Garten und kaute eifrig. Plötzlich änderte sich sein Verhalten - er stand sichtlich bedrückt da, würgte und schniefte. Sofort war mir klar, was passiert sein musste. Mein Vater, der zufällig zu Besuch war, zog Bulli mit Hilfe einer Leine die Kiefer auseinander, und ich versuchte, ihn von dem Brocken zu befreien. Elliot war ebenso hektisch wie ich, und er klappte den Fang zu - meine Hand dazwischen. Der Schmerz ließ mich von weiteren Versuchen in dieser Richtung Abstand nehmen, und ich rief schnell unsere ganz in der Nähe praktizierende Tierärztin an, um uns anzukündigen. Nach wenigen Minuten kam ich mit Elliot ins Wartezimmer und wollte gleich mit ihm - wie verabredet - in die Praxis durchgehen, als ihn ein Bedlingtonterrier wütend anbellte. Obwohl es Elliot gar nicht gut ging, blaffte er zurück - und in hohem Bogen flog das Kauknochenstück durch die Gegend. Die Arbeit der Tierärztin beschränkte sich darauf, meine Hand zu versorgen, ansonsten konnten wir gleich wieder nach Hause fahren.
Wir passten natürlich höllisch auf, dass sich derartiges wie mit dem Quietsche-Igel nicht wiederholte, aber nach langen Jahren hat es Elliot dann doch einmal übel erwischt. Wir hatten unser Rudel inzwischen um eine winzige Zwergschnauzerhündin erweitert - wie es dazu kam, schildere ich an anderer Stelle. Diese kleine Dame liebte es, mit Weinkorken zu spielen, was ja eigentlich generell nicht zugelassen werden sollte, aber sie spielte wirklich damit und machte nie, wirklich niemals den geringsten Versuch, auch noch so kleine Stückchen davon zu verschlucken. Außerdem war es wirklich amüsant, dass sie in der Lage war, anzuzeigen, ob uns der Wein schmecken würde... Bekam sie ein Körkchen, nagte sie zielstrebig scheibenförmig das Ende ab, welches den Inhalt berührte. Setzte sie sich mit dieser Scheibe weiter auseinander, dass heißt, zernagte sie sie fein, mundete uns das Tröpfchen. Wendete sie sich nach kurzer Zeit ab, war der Wein nicht nach unserem Belieben. So spinnert das klingt - es ist wahr! Nun also geschah es trotz größter Vorsicht, dass Elliot einen dieser Korken erwischte. An sich sammelten wir sofort, wenn Trixi sich damit befasst hatte, sorgfältig alles ein, da wir ja Bullis Hang zum Verschlucken kannten. Einmal aber - Leute mit dem ständig erhobenen Zeigefinger werden nun ihre Bestätigung finden - erwischte er eben doch einen fast ganzen Korken. (Es muss wohl ein nicht so ganz leckerer Tropfen gewesen sein). Ob der nun aus dem Abfalleimer gerollt war oder wie sonst in Bullis Einzugsbereich kam, ließ sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls trug sich in den nächsten Tagen folgende, wirklich schlimme Geschichte zu: Ich nahm mit Elliot auf dem Hundeplatz an einer Gruppen-Unterordnungsübung statt, als meine Eltern dort auftauchten, um uns arbeiten zu sehen. Zur gleichen Zeit kam eine Pressefotografin, um unsere Gruppe für die Tagespresse abzulichten, und Elliot saß mit in der ersten Reihe. Natürlich hatte er sofort meine Eltern hinter dem Zaun entdeckt und war schier aus dem Häuschen vor Freude. Er zappelte ziemlich herum, weil er nicht direkt zu ihnen durfte; Nasenrücken und Bindehäute waren dunkelrot vor Aufregung, er schnaufte und speichelte, kurzum, er war regelrecht außer sich. Nachdem er sie dann schließlich doch ausgiebig und wie üblich überaus stürmisch begrüßt hatte, setzte ich ihn in "sein" Auto. Normalerweise rollte er sich hier auch nach den größten Aufregungen zufrieden ein und schlummerte. Dieses Mal aber zeigte er große Unruhe und wollte sich nicht hinlegen. Seine Augäpfel rollten unstet hin und her. Ich führte sein Verhalten auf seine große Erregung zurück und dachte mir nichts weiter dabei. Als wir wieder zu Hause waren, schien auch alles in Ordnung zu sein. Elliot fraß und trank normal und verhielt sich wie sonst. Am nächsten Tag erbrach er. Das bereitete mir jedoch keine Sorgen, denn er hatte einen empfindlichen Magen, und er übergab sich relativ häufig, ohne dass ein krankhafter Zustand vorlag. Was mir allerdings auffiel, war seine Unruhe, die auch im weiteren Verlauf des Tages bestehen blieb. Bulli setzte ganz normal Kot ab und fraß am Nachmittag wie immer.
Kurze Zeit darauf lag das Futter wieder - völlig unangedaut - auf den Fliesen, und Elliot bog angewidert den Kopf zur Seite. Normalerweise - es kam zwar sehr selten, aber hin und wieder doch vor - wenn er zu gierig gefressen hatte. Dann schnupperte er an der Bescherung und unternahm den Versuch, sie nach Wolfserbe wieder aufzufuttern. Nun also zeigte er deutliches Ekelverhalten, und er wollte auch im weiteren Verlauf des Tages nichts mehr fressen. Das war nun für Elliot ein völlig fremdes Verhalten - er fraß ausgesprochen gerne und war überhaupt nicht mäkelig in Bezug auf das Vorgesetzte. Selbst mit ausgewählten Leckerbissen konnte ich ihn aber nun nicht mehrt animieren. Unglücklicherweise war der nächste Tag ein Sonnabend, und unsere Tierärztin nicht erreichbar. Elliots Appetitlosigkeit, ja sogar Ausdruck des Ekels vor Futter, hielt an. Er wollte auch kaum noch trinken und setzte keinen Kot mehr ab - was mich allerdings noch nicht in Alarmstimmung versetzte, da er ja nichts gefressen hatte. Der Montagmorgen sah uns dann in der Tierarztpraxis. Elliot war inzwischen in einem erbarmungswürdigen Zustand. Er hatte abgenommen und war matt und elend. Die erste Untersuchung führte zu keinem konkreten Ergebnis. Ich sollte versuchen, ihm ein Kontrastmittel einzugeben, damit wir röntgen konnten. Also fuhr ich mit Bulli nach Hause, um die Sache in Ruhe anzugehen. Es gelang mir auch ohne große Mühe, ihm das Kontrastmittel einzugeben - nur, sowie es drinnen war, war es auch schon wieder draußen. Und das, was da nun herauskam, stank erbärmlich nach Kot. In Windeseile fuhr ich wieder zur Tierärztin, und der Verdacht auf Ileus verhärtete sich. Inzwischen hatte sich Elliots Allgemeinzustand rapide weiter verschlechtert, und unsere Tierärztin, die unseren Hund seit Welpentagen kannte und ihn sehr mochte, wollte nicht selber das Risiko einer Narkose eingehen, um ihn zu röntgen. Der Versuch einer Ultraschallaufnahme wäre optimal gewesen, aber unglücklicherweise gab es in greifbarer Nähe nur ein Gerät, und das war gerade ausgefallen. Also empfahl mir die Tierärztin, einen Kollegen mit guter Apparateausstattung aufzusuchen. Wieder ging kostbare Zeit verloren. Als ich dort bei der Praxis eintraf, war Elliot nicht mehr selbst in der Lage, das Auto zu verlassen. Völlig apathisch, ein Schatten seiner selbst, lag er da. Ich musste ihn ins Wartezimmer tragen, was erschreckend leicht ging - er wog nur noch 24 Kilogramm! Teilnahmslos und schwach lag er auf dem Boden - ich gab keinen Pfifferling mehr um sein Leben. Nach quälendem, mir endlos lange erscheinendem Warten durfte ich endlich mit ihm in das Behandlungszimmer. Nach gründlichem Abtasten sagte er Tierarzt, er müsse Elliot trotz seines schlechten Zustandes narkotisieren, um zu röntgen. Widerwillig gab ich meine Zustimmung. Die Röntgenaufnahme bestätigte den Verdacht auf Ileus = Darmverschluss. Im Verdauungstrakt war ein walzenförmiger Fremdkörper nebst einigen halmartigen Gebilden zu erkennen. Also - Narkose vertiefen, operieren. Zum ersten Mal durfte ich bei einer Operation nicht dabei sein. Nein, nach dem Eingriff dürfe ich unseren Hund auch noch nicht mit nach Hause nehmen. Auch das erste Mal in meiner "Hundehalterlaufbahn"! Der Tierarzt versprach aber, mich über den Verlauf des Eingriffs zu informieren. Ein schwacher Trost für mich! Unruhig und traurig fuhr ich nach Hause. Als endlich gegen 22 Uhr das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen. Mit blankliegenden Nerven nahm ich den Hörer ab. Elliot hatte die Operation trotz seiner erbärmlichen Konstitution gut überstanden! Der walzenförmige Fremdkörper erwies sich als Weinkorken (wie, zum Teufel, mochte er trotz unserer Sorgfalt daran gekommen sein?), die halmartigen Gebilde waren Gräser. Offensichtlich hatte unser Hund versucht, den Korken zu erbrechen und zur Erleichterung dieses Vorganges Gras gefressen, in diesem Falle aber vergebens. Der Tierarzt sagte mir, wenn keine Komplikationen auftreten würden, könnte ich Elliot am nächsten Morgen abholen. Nach einer langen, unruhigen Nacht rief ich in der Praxis an, ob alles gut wäre und ich kommen könne, ohne dass mich eine traurige Nachricht erwarte. Wie groß war meine Freude zu hören, dass es Bulli den Umständen entsprechend gut ginge! Schnell fuhr ich los, um den Patienten abzuholen. Trotz der erfreulichen Auskunft am Telefon klopfte mein Herz wild, als ich die Praxis betrat. Dann entdeckte ich ihn! Er hockte auf einem gut gepolsterten Lager in einer Ecke und schaute mich an. Noch immer bot er einen traurigen Anblick, aber seine Augen blickten hoffnungsvoll und spiegelten Freude wider, als er mich erkannte. Liebevoll streichelte ich ihn, er schmiegte vertrauensvoll seinen Kopf in meine Hände und wedelte schwach. Dann kam der Tierarzt. Er erklärte mir genau den Eingriff und die Versorgung. Und er erklärte mir auch, wie unser Hund nun in den nächsten Tagen zu ernähren sei - nämlich ausgesprochen vorsichtig und ganz gering dosiert - eben einer Darmoperation entsprechend. Am ersten Tag ein Esslöffel Haferschleim, vermischt mit "Astronautenkost", am zweiten Tag zwei..., am dritten Tag vier..., am vierten Tag acht..., dann für ein paar Tage milde Schonkost, dann ganz langsam wieder die normale Menge, dann erhöhen und Hund wieder "rausfüttern". Und das bei einem so ausgehungerten Kerl! Der Tierarzt wies mich darauf hin, dass es durchaus passieren könnte, das Elliot vor Hunger alles mögliche anstellen würde, aber nichts dergleichen geschah. Geduldig überstand Bulli mit knurrendem Magen die nächsten Tage. Schließlich sah er einem Greyhound ähnlicher als einem Bullterrier - aber er lebte. Die Wundheilung machte gute Fortschritte, und endlich war es soweit, dass ich ihn "herausfüttern" durfte. Nach einigen Wochen hatte er fast wieder sein altes Gewicht, aber seine Nackenmuskulatur erlangte nie mehr die frühere Stattlichkeit. Na ja, er war ja bei diesem "Abenteuer" mit acht Jahren auch nicht mehr so ganz der Jüngste. Jedenfalls waren wir überglücklich, dass alles so relativ glimpflich ausging und wir bald wieder auf unseren Spaziergängen neben der schwarzen Zwergschnauzerlady unseren Bulli dabeihatten. Ach ja, die schwarze Zwergschnauzerlady. Auch so eine erzählenswerte Geschichte "um Bulli". In unserem Garten befanden sich Volieren, und diese bekamen nachts immer häufiger Besuch von Katzen. Eines Nachts passierte es, dass eine solche Katze bei dem Versuch, einen der Vögel zu erwischen, vor das Volierengitter sprang und unter den Insassen eine derartige Panik auslöste, dass sich einer der Gefiederten das Genick brach. Was tun, um solche Vorfälle für die Zukunft weitgehend auszuschließen? Abhilfe sollte ein Elektrozaun schaffen, der in niedriger Höhe um das Grundstück gespannt wurde. Der Zaun tat seine Wirkung, die Katzen blieben aus. - Grund für die Mäuse in unserem Garten, sich stark zu vermehren. Keine Feinde mehr, dafür aber reichlich Futter durch die Vögel. Was nun? Ein kleiner, Mäuse fangender Hund sollte her, einer, der robust genug war, in nicht allzu kalten Nächten in einer gut isolierten Hütte draußen zu leben. Nun war aber auch Elliot, obwohl ich ihn von klein auf an Artgenossen hatte, durch schlechte Erfahrungen zum Hundehasser geworden. Er wurde bereits im Alter von neun Monaten zum ersten Mal übel gebissen, als er mit einem Magyar Vizsla spielte. Dieser wollte Elliot "klammern", und als der den Versuch unternahm, unter dem Magyar hervorzurobben, packte der Jagdhund hemmungslos zu. Elliot wusste gar nicht, wie ihm geschah, und ziemlich verdutzt kam er zu mir. Nun mochte er zunächst - verständlicherweise - keine Hunde vom Typ "Jagdhund" mehr. Kurze Zeit später griff ihn ohne jegliche Vorwarnung ein Briard an, und nun wehrte sich Bulli zum ersten Mal. Er gewann einen ersten Eindruck seiner eigenen Kraft und seiner Fähigkeiten, und er hätte kein Bullterrier sein dürfen, um hieran keinen Gefallen zu finden. Allerdings blieb er zunächst weiterhin freundlich im Umgang mit Artgenossen, aber als er wieder von einem Hund, der wesentlich größer war als er, angegriffen wurde, war es mit der Freundlichkeit vorbei. Meine Maßnahmen, nicht wieder einen Hundehasser wie Artus zu bekommen, scheiterten. Elliot sah in jedem Hund, der größer war als er, einen Feind, den er entsprechend zu bekämpfen versuchte. (Aber wie bei Artus gelang es mir immer, Schlimmeres zu verhüten). Schließlich akzeptierte er nur noch Artgenossen, die kleiner waren als er, und hier naturgemäß natürlich Hündinnen. Also, wenn ein Mäusefänger ins Haus kam, dann ein sehr kleiner, weiblicher. Wir wollten ein gutes Werk tun und eine Hündin aus dem Tierheim nehmen. Wir kontakteten neun! Tierheime und fragten bei sechs oder sieben Tierärzten nach. Nein, es sei (trotz Ferienzeit) keine kleine, robuste Hündin zu haben. Ein nettes Erlebnis hatten wir bei unserer Suche natürlich auch wieder: In einer der Heimboxen entdeckte mein Mann eine liegende, hübsche Hündin, die ihm gut gefiel. Ich sah schon, obwohl sie lag, dass sie ziemlich groß war, und wies meinen Mann darauf hin. Er glaubte mir aber wohl nicht so recht und bekundete sein Interesse an dem Tier bei der Heimleiterin. Die schloss bereitwillig die Boxentür auf, und die Hündin stand auf, um uns zu beschnuppern. Nun musste mein Mann doch einsehen, dass sie für uns viel zu groß war: ihr Rücken war wesentlich höher als seine Knie. Schade!
Nun kam uns - wie so oft im Leben - wieder einmal der Zufall zur Hilfe. Ich hatte gerade per Post von mir gezüchtete Papageien versandt.
Das ist für Papageien und Sittiche als Höhlenbrüter nicht ganz so schlimm, wie es sich anhört. Sie fühlen sich in den Transportkisten sicher, und innerhalb weniger Stunden erreichen sie ihr Ziel. Ich telefonierte gerade mit dem Empfänger, ob die Tiere auch wohlbehalten angekommen seien, und irgendwie kamen wir von "Hölzken auf Stöcksken", und auf einmal waren wir beim Thema "Hund". Ich erzählte von unserem Wunsch, eine kleine Hündin anzuschaffen, und der Empfänger meiner Vögel wusste von jemandem im Nachbarort, der Zwergschnauzer züchtete und eine sehr kleine Dame dieser Rasse abzugeben hatte. An sich hatte der Züchter diese behalten wollen, aber sie war zu winzig geblieben, um Junge zu haben. Nun war sie sieben Monate alt und sollte verkauft werden. Auf meine Frage hin, wie ich denn wohl diese Hündin bekommen sollte - schließlich lebte sie in Süd-Ost-Bayern und damit sehr, sehr weit von uns entfernt - bekam ich die Antwort: genau wie ich Ihre Vögel - per Versand. Davon wollte ich nun gar nichts hören. Allen Leuten, die mich in Hundeangelegenheit um Rat fragten, riet ich eindringlich von solchen Praktiken ab, und ich selber sollte nun ...? Nein! Alles in mir sträubte sich, aber zwei Tage später meldete ich mich doch bei dem Schnauzerzüchter. Ja, die Hündin sei noch da. Ja, sie sei sehr robust, sie lebte, wie alle seine Hunde, draußen und schliefe auf der Tenne. Sie sei allerdings sehr, sehr "kloa" (egal). - In der Tat ist sie so klein, dass einmal ein kleiner Junge zu seinem Großvater sagte: "Guck mal, ein Hund. - Du, Opi, das Kleine, ist das auch ein Hund?" - Nun also: Ja, selbstverständlich würde er sie schicken. Nein, das mache den Tieren gar nichts aus. Er praktiziere das häufig so. Irgendwie war der Wunsch, nun endlich unseren geplanten Rudelzuwachs zu bekommen, so übermächtig geworden, dass mein Verstand ausgeschaltet war. Alles über die bisherige Haltung der kleinen Hündin klang so verheißungsvoll, dass ich mich schließlich doch dazu durchrang, sie schicken zu lassen. Hätte ich es nie getan! Hätten mein Mann und ich einen Tag Urlaub genommen und wären nach Bayern gefahren! Hätten, hätten... Wir haben nicht, und so kam am nächsten Tag eine kleine Kiste im Hattinger Güterbahnhof an, auf der "Trixi" stand. Die Bahnbeamten waren sehr, sehr nett. Uns war zugesagt worden, sich sofort zu melden, wenn die erwartete Sendung eintreffen würde, und so war es auch. Als mein Mann zum Güterbahnhof kam, stand die Transportkiste nicht bei der übrigen Fracht, sondern wohlbehütet im Büro. Schnell fuhr er nach Hause, um unseren Neuzugang aus dem engen Gefängnis zu befreien. Welch ein erbärmlicher Anblick bot sich ihm, als er den Deckel löste! Ein wirklich winziges, schwarzes, zitterndes Bündel starrte ihn mit angstvoll aufgerissenen Augen an. Vorsichtig hob mein Mann das kleine Wesen aus der Kiste, und noch ehe er sich versah, war dieses in wilder Panik unter einer alten Konsole verschwunden, unter der es einstweilen blieb. Nichts vermochte Trixi zu locken. Als ich nach Hause kam - leider konnte ich nicht mit zur Bahn - war ich der Meinung, sie dort hervorholen zu müssen. Sie hatte sage und schreibe dreizehn Stunden auf der Bahn verbracht und sich während der gesamten Zeit nicht gelöst, nichts getrunken, nichts gefressen. Was ich unter der Konsole hervorzog, war ein struppiges, ungetrimmtes Etwas mit starr weggespreizten, zarten Läufen und so eingekniffenem Stummelschwänzchen, dass mein Mann meinte, da gäbe es gar keins. 
Fortsetzung s. Bullterrierjahre Teil III


 
Kesser Kobold - fast vergessen
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